Meuterei und Diplomatie

Ab heute bin ich für das letzte Mal eine Woche lang Teacher on Duty. Zur Erinnerung: ToD bedeutet für sieben Tage und Nächte verantwortlich sein für Abläufe, Disziplin, Ordnung, Sauberkeit und alles andere. In der Regel gibt es pro Woche zwei, da mein Kollege aber für einen längeren Zeitraum in Arusha ist, bin ich alleine.
Extrem wichtig für die Abläufe in der Schule ist die Arbeit der Prefects, das sind Schüler, die als Anführer für bestimmte Bereiche gewählt oder von den Lehrern bestimmt werden. Um sie von anderen abzugrenzen, tragen sie eine rote statt einer grünen Krawatte. Jede Baracke hat zwei Prefects, darüber hinaus gibt es für jede erdenkliche Aufgabe einen oder zwei weitere, so etwa für Sport, Information (Medienzugang), Sauberkeit, akademische Angelegenheiten oder Essen. In Wahrheit sind sie es, die durch Überwachung und Handlanger des ToD die Schule am Laufen halten. Bildlich gesprochen ist der Lehrer eine Art General, während die Prefects die Offiziere sind.

Am Vorabend meines Duties denn standen die Zeichen auf Meuterei. Eine große Zahl der Prefects wollte die Arbeit in der nächsten Woche verweigern, einige sogar zurücktreten.
Der Grund dafür ist eine weitere Episode in der langen Reihe von Geschichten, die man aus einer deutschen Schule wohl nie erzählen könnte.

Es ist Sonntagabend, halb neun. Ich sitze in meinem Büro, nutze das Internet, ruhe mich aus, wissend, dass ich ab morgen nicht mehr dazu kommen werde. Als ich das Gebäude verlasse um Richtung Toilette zu gehen, komme ich an den Klassenräumen der Form One vorbei, in denen dieser Tage die Mädchen während der Night Preps sind. Doch anstatt zu lernen, sitzen sie allesamt in einer großen Gruppe dicht bei dicht auf einer Rasenfläche vor dem Klassenraum. Sie sind umzingelt von den Prefects, männliche wie weibliche, einige haben Stöcke in der Hand. Es muss etwas Besonderes passiert sein, dass die strikte Geschlechtertrennung während der Nacht aufgehoben wird und zudem die Rotkrawatten in aggressiver Haltung schlagbereit um eine Gruppe von über 100 Schülerinnen stehen. Erst viel später erfahre ich, dass zu diesem Zeitpunkt die anwesenden Mädchen (Form 1 – 3, 13 – 17 Jahre alt) auf Geheiß des ToDs schon der Reihe nach mit Stöcken durch die Prefects geschlagen wurden. Die Stimmung ist denkbar schlecht, ich setze zunächst meinen Weg fort um einen Lehrer zu finden, denn ich über den Grund befragen kann.

Im Lehrerzimmer treffe ich auch einen, der selbst nicht weiß, was da passiert ist. So gehen wir gemeinsam zurück zu den Klassenräumen und werden aufgeklärt. Unterhalb von Form 1B befindet sich in einer Art Keller das Büro des Disziplinmasters, einem Lehrer, der zur Zeit nicht in der Schule ist. Die Ecke ist recht dunkel und im Scheine einer Taschenlampe wird uns der Grund des Unheils gezeigt: Kot.
Irgendein Mädchen hat ihre Notdurft vor diesem Büro verrichtet. Die Toiletten der Mädchen sind etwa 500 Meter weiter weg, was genau der Beweggrund (war es überhaupt gewollt?) der Täterin war, bleibt ungewiss.

Fakt ist: Unmöglich, herauszufinden, wer diejenige war. Niemand würde es jemals zugeben, dass es aktive Zeugen gab ist unwahrscheinlich und wenn verrieten sie nichts. Auf Geheiß der Matron, der Lehrerin, die für die Disziplin der Mädchen zuständig ist, sollen alle bestraft werden. So kommt es, dass wegen dem Vergehen einer hunderte geschlagen und erniedrigt werden. Alle Mädchen sollen eine Reihe vom Unglücksort bis zur Mädchentoilette bilden, Papier aus einer Mülltonne nehmen und dann den Kot weitergeben. Man kennt das Bild vielleicht von einer Dorfgemeinschaft, die eine Reihe vom Brunnen zum Brand bildet, um effektiv zu löschen. Hier wird diese Praxis pervertiert. Eine absolute Demütigung, den Kot einer unbekannten Drittperson in der Form durchreichen zu müssen. Zudem eine Pauschalstrafe, die ich für nicht vertretbar halte.

Die Maßnahme nimmt ihren Anfang, ich stehe in der Mitte der Reihe, etwas entfert von den anderen zwei anwesenden Lehrern, und schaue der Prozedur mit Unbehagen zu. Einige Mädchen heulen, andere halten sich die Augen und Nase zu, während sie die Exkremente weiterreichen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nichts über die vorangegangende Prügelstrafe. Jedenfalls nimmt das Schicksal seinen Lauf. Aus verständlichen Gründen beeilen sich die Schülerinnen die Sache hinter sich zu bringen. Eine wird dabei zu hastig, lässt los, bevor die nächste die Ladung übernehmen konnte. Der Kot fällt auf den Boden. Sofort springt ein besonders eifriger Prefect zu ihr, schreit sie an, ist sichtbar zornig, befiehlt ihr, die Exkremente wieder aufzuheben. Das Mädchen bückt sich, um zutun, wie ihr geheißen. Er hat nicht genug, schlägt sie mit der Faust auf den Rücken und verlangt laut den Stock eines anderen Prefects, um sie damit zu prügeln.

An der Stelle habe ich genug, ich gehe in einer hastigen Bewegung dazwischen, packe den Prefects und ziehe ihn barsch raus, drücke ihn gewaltsam gegen einen Baum, packe ihn am Kragen und warne ihn, soetwas nicht zu wiederholen. Ich verletze ihn dabei weder noch tue ich ihm weh, es liegt mir fern ihn zu schlagen oder ähnliches. Dennoch nutze ich an dieser Stelle Gewalt, obwohl ich es auch anders regeln könnte. Als Lehrer hätte ich ihn genausogut bei Seite nehmen und im Einzelgespräch zurechtweisen können. Das war sicherlich ein Fehler, für den ich auf Grund der Situation um Nachsicht bitte. Der Prefect weiß, dass er sich nicht wehren kann, wird er gewalttätig gegen einen Lehrer fliegt er ohne Zweifel und Diskussionen. Doch er ist sauer, er sollte mit mir nächste Woche on Duty sein, meine rechte Hand, was ich jetzt noch nicht weiß.

Auch die anderen Prefects sind sauer über den Vorfall, sie versammeln sich und diskutieren wild. Die Exkremente haben inzwischen die Toilette erreicht, die Schülerinnenreihe hat sich aufgelöst. Als auch ich mich auf den Weg mache, läuft das Headgirl, oberstes Mädchenprefect, zu mir. Die Gruppe wolle mit mir reden. Ich komme zurück und warte mit etwas Abstand, bis die Diskussionen zu Ende kommen und sie das Gespräch mit mir suchen. Das dauert und inzwischen wird klar, dass sie eine Arbeitsverweigerung für die nächste Woche planen. Sie reden über Rücktritte und Belästigungen durch Lehrer wie jener durch mich. Die Emotionen kochen hoch, schließlich kommt der Headprefect (oberster Prefect, verantwortlich und koordiniert die übrigen) zu mir und fragt, was genau vorgefallen sei. Dabei redet er ruhig, er scheint zu den wenigen zu gehören, die sich selbst im Griff haben.

Ich erkläre ihm die Sachlage und dass wir eine Aussprache halten sollten. Er stimmt zu, bittet mich, etwas entfernt zu warten, damit sie zunächst untereinander alles regeln können. Ich warte also vor dem Lehrerzimmer. Auf dem Weg dorthin sehe ich die Schülerinnen wieder in einer Reihe stehen, diesmal holen sie sich nacheinander Prügel auf die Finger ab, welche die beiden anderen Lehrer mit Stöcken austeilen, während eine Rotkrawatte die Klassenlisten durchgeht, damit auch niemand ausgelassen wird. Heulen und Schmerzensschreie erfüllen gemeinsam mit Jammern und Wehklagen die Nacht. Ich setze mich in die Nähe des hinteren Endes der Reihe und warte auf die Prefects. Einige Mädchen fragen mich, ob ich sie nicht schlagen könne damit es nicht so weh tut.

Nach etwa zehn Minuten kommt erneut das Headgirl zu mir und bittet mich zu den Anderen. Die Stimmung ist nach wie vor aufgeheizt, die Zeichen stehen auf Sturm. Jener, den ich rausgezogen und gegen den Baum gedrückt hatte, reagiert sich in einer Wutrede ab. Wieder ist die Rede von Rücktritt, er werde am nächsten Morgen seine Krawatte abgeben. Andere stimmen ein und ihm zu. Es ist nicht möglich, in dieser Atmosphäre eine Aussprache zu halten. Ich versuche es dennoch, sage offen und ehrlich, dass ich ihn nicht auf diese Weise hätte packen sollen. Ich bitte um Entschudigung dafür, doch an diesem Abend hat es keinen Sinn, derartige Gespräche zu führen. Alle möglichen Dinge werden gegen mich vorgebracht, irgendwelche Gerüchte und Halbwahrheiten werden gegen mich ausgelegt. Letztlich einigen sich die Prefects, am folgenden Tag mit dem Headmaster über die Probleme reden zu wollen. Die Versammlung löst sich auf.

Ich verbleibe mit dem Headprefect und rede mit ihm, ich erfahre, dass der Grund für diese scheinbar überzogene Wut ist, dass es nicht der erste Fall war, in dem stren mit einem Prefect verfahren wurde. Zwei Wochen zuvor etwa wurden einige mit einem Stock geschlagen, weil sie fünf Minuten zu spät waren. Das Ereignis von heute sei der (etwas dickere) Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringe. Er selbst halte nichts von der Idee, zum Headmaster zu gehen und auch von der Prügelstrafe halte er nichts. Aber in dieser Situation könne er sich nicht gegen seine Untergebenen stellen. Die Angst der Rotkrawatten ist, dass durch das Geschehene Schüler sie nicht mehr respektieren und ihren Anweisungen folgen. Ich für meinen Teil beschließe, es mit Diplomatie zu versuchen, um die Meuterei in letzter Minute abzuwenden.

Heute Morgen gehe ich noch vor Beginn des Appells zu dem Prefect vom gestrigen Vorfall und rede mit ihm. Wissend, dass er sich über Nacht beruhigt hat bin ich zuversichtlich. Ich halte meine Aussprache mit ihm, bitte ihn erneut um Entschuldigung und versichere ihm Rückendeckung für den Fall von Problemen mit Schülern, die ihn nicht ernst nehmen. Gleichzeitig erkläre ich ihm, dass wenn die Schüler sehen, dass ich als der Lehrer, der dafür verantwortlich war, mit ihm zusammenarbeite, jeder versteht, dass sie ihn respektieren müssen, da er meine Rückendeckung hat. Mir gelingt es, ihn zu überzeugen, er verzeiht mir und verspricht, mit den anderen zu reden. Er verweist jedoch darauf, dass auch die übrigen Rotkrawatten sehr ungehalten sind und wir deshalb ein Treffen halten sollten. Dem stimme ich wiederum zu und so kommt es, dass ich mich nach dem Morgenappell erneut mit der Gruppe treffe und wir erneut versuchen, eine Aussprache zu halten. Diesmal jedoch mit gefassterer Stimmung.

Wir reden etwa zwanzig Minuten lang, ich wiederhole, was ich ihm gesagt habe, erkläre, dass ich um die Arbeit der Prefects weiß und dass ich ihnen dafür dankbar bin, da ohne sie nichts laufen würde. Ich bitte ebenfalls alle um Entschuldigung, was vorgefallen ist. Wir reden noch über andere Details, die hier den Rahmen sprengen würden. Jedenfalls gelingt es, durch das Gespräch und Diplomatie die Meuterei abzuwenden und ich glaube fast, dass meine Position durch diese Geste letzten Endes gestärkt ist. Kaum ein Lehrer hätte das Gespräch mit den Rotkrawatten gesucht.

So kann ich nun doch meinen letzten Duty in Frieden antreten – auch wenn gestern sehr viel Unschönes passiert ist.

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Das vermisste Mädchen ist zurück

Vor wenigen Minuten bin ich zur Mehrzweckhalle, in denen die Schülerinnen ihre Night Preps verbringen, um einigen Schwänzern ins Gewissen zu reden. Draußen lief an mir die kleine Schwester des vermissten Mädchens vorbei und rief mich, etwas abseits, zu sich. Dann erzählte sie mir, dass seit vorgestern ihre Schwester wieder zu Hause sei. Sie sei in Morogoro, in der Nähe Dar-Es-Salaams und damit auf der ganz anderen Seite Tansanias gewesen. Allerdings sei es kein freiwilliger Ausflug gewesen, sondern Hexer hätten sie dorthin verschleppt. Jetzt sei sie wieder bei ihren Eltern und weine noch immer über das, was ihr wiederfahren sei.
Die kleine Schwester selbst fühle sich teils froh, teils traurig. Froh, dass sie wieder da sei, traurig über das, was ihr wiederfahren sei.

Sie könne mir noch mehr erzählen, aber nicht heute, da sie Kopfschmerzen habe. So hat sie mir zugesichert, morgen zu mir zu kommen um mir weitere Informationen zu geben.
Tansania bleibt halt doch irgendwo eine andere Welt.

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Taktische Manöver

In der Karaseco herrscht nachts strikte Geschlechtertrennung, was ich durch die schon beschriebenen täglichen Belästigungen junger Frauen und Mädchen mittlerweile als durchaus gerechtfertigt empfinde. Von 19:20 bis 22:30 Uhr finden die so genannten Night Preparations statt, in denen die Schüler selbstständig lernen, Hausaufgaben machen und sich auf die nächsten Stunden vorbereiten. Bei Bedarf kann ein Lehrer aber auch eine Unterrichtsstunde ansetzen und die entsprechenden Schüler in die Klasse rufen. Unter Aufsicht ist dann die Geschlechtertrennung aufhebbar.

Vor einigen Tagen habe ich von einigen Mädchen aus Form III einen Brief erhalten, in dem sie um zusätzliche Unterrichtseinheiten bitten. Sie begründen ihr Anliegen damit, dass besonders sie selten Zugang zu den zwei funktionierenden Schülercomputern erhalten, die ständig von den Jungs belagert sind. Da es ohnehin in Form III seit wenigen Wochen einen Konflikt im Stundenplan gibt, wegen dessen ich eine meiner zwei Doppelstunden dort abgeben musste, sah ich darin eine gute Gelegenheit, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Die Schülerinnen schlugen vor, dass ich sie während der Night Preps unterrichte, was auch meiner Vorstellung entsprach.

Allerdings wollte ich bei aller Förderung der benachteiligten Mädchen natürlich nicht die Jungs außen vor lassen. So gab ich einer Schülerin eine Liste, in der sich alle, Mädchen wie Jungen, in zwei mögliche Gruppen, die ich an verschiedenen Tagen (bzw Nächten) unterrichten würde, eintragen konnten. Gruppe 1 war von Beginn an, sprich einen Computer starten, herunterfahren und grundlegende Bedienungen; Gruppe 2 über den Gebrauch eines Browsers, E-Mail und auch Facebook, das hier sehr gefragt ist. Wer wollte, konnte sich auch in beide eintragen.

Gestern dann habe ich die Liste zurückbekommen. In Gruppe 2 waren 20 Namen eingetragen, darunter nur zwei Jungen. Es bot sich natürlich an, einfach zwei Zehnergruppen daraus zu machen – die Schülerin wollte aber lieber reine Mädchen- und Jungengruppen. Das wäre in Deutschland schon merkwürdig, wenn die Schülerinnen sich Geschlechtertrennung von ihren Klassenkameraden wünschen. Hier hat sie jedoch gleich die Begründung nachgeschoben, nämlich dass viele Jungs sehr belästigend sind. Es ist traurig, dass die Mädchen nicht mal in der eigenen Klasse sicher sind, vermag mich aber auch nicht mehr zu überraschen.

Vier der Mädchen wollten zudem eine kleine Extragruppe, um besonders effizient und schnell zu lernen. Da ich durch den Abgang von Form IV und den bevorstehenden Examen von Form VI wieder etwas freier geworden bin, habe ich auch dem zugestimmt. Ich wollte dann mit jenen vier Mädchen in Ruhe anfangen, da ich tagsüber durch einen Benzin/Kerosin-Behälter, der in meinem Büro lagerte und die Luft wesentlich schwerer machte, Kopfschmerzen hatte und eine kleine Gruppe auch für mich weniger Aufwand ist. Es wäre nicht mein Blog wenn es dabei geblieben wäre und nicht noch mindestens etwas spannendes passierte.

Tagsüber war der Strom nach einem Gewitter ausgefallen, kehrte aber gegen 18:45 Uhr zurück, so dass dem Unterricht nichts im Wege stand. Die Schülerinnen kamen überpünktlich, wir gingen in die Bücherei und fingen an. Nach wenigen Minuten aber klopfte es an den Fenstern und sieben weitere Mädchen aus Form IV standen dort, die wohl die Liste falsch verstanden hatten und dachten, sie wären schon dran. Da sie aber schon mal da waren habe ich sie nach kurzem Gespräch zu den anderen gelassen und hatte damit natürlich eine größere Gruppe, was ich eigentlich vermeiden wollte.

Jede von ihnen startete mindestens einmal einen Computer und fuhr ihn anschließend wieder herunter. Sie machten schnelle Lernfortschritte, was nicht bei allen Schülern so ist, und wollten anschließend E-Mail Adressen einrichten. Jedoch etwa eine Stunde nach Beginn der Unterrichtseinheit fiel der Strom aus – komplette Dunkelheit, meine Taschenlampe lag dummerweise zuhause.

Um das folgende zu verstehen, habe ich eine (sehr) grobe Skizze der Karaseco angefertigt. Insbesondere der linke Teil ist nicht wirklich gelungen, die für gestern wichtige Bereiche stimmen aber ungefähr:

Die blauen Rechtecke symbolisieren Lehrerhäuser, das hellblaue ist mein Haus. Das orangene ist der Basketballplatz, grau sind die Baracken der Jungen, grün die der Mädchen. Gelb ist die Mehrzweckhalle, in der die Mädchen ihre Night Preps verbringen. Braun sind die verschiedenen Klassenräume, in denen nachts die Jungs sind, schwarz ist mein Büro und die Bücherei, in der wir uns befanden. Weiß sind andere Gebäude, die für gestern nicht weiter wichtig sind. Die einzelnen Striche stehen für die Straßen und Wege, wobei die Hauptstraße etwas dicker gezeichnet ist. Sie ist auch gleichzeitig die Grenze, die nachts von Jungen und Mädchen nicht überschritten werden darf – jeder bleibt auf seiner Seite. Grün gepunktet sind dichte Gebüsche und Waldstücke.

Was jetzt wie ein Spiel kennt, hat durchaus eine ernste Komponente.
Da der Strom nicht innerhalb weniger Minuten zurückkehrte, waren die Night Preps beendet und die Schüler sollten in ihre Baracken gehen. Wie auf der Skizze zu sehen ist, liegt die Bücherei mitten zwischen den Klassenräumen, wo sich die Jungs aufhielten. Natürlich war es ihnen nicht entgangen, dass ich dort mit einer Gruppe Mädchen (15-17 Jahre alt) war. Die allumfassende Dunkelheit (und tansanischen Nächte können sehr dunkel sein) lockte mit Straffreiheit: Kaum möglich, jemanden zu identifizieren (zumal Schuluniform) oder zu fassen. Dementsprechend groß war das Gejohle, während wir noch im Gebäude waren drangen schon die Rufe der lauernden Schüler herein. Meine als ruhig geplante Unterrichtseinheit mit vier Schülerinnen schlug um in eine Evakuierungsmission von elf Schülerinnen mitten durch Feindgebiet. Die Jungen warteten nur darauf, dass wir herauskämen, ihre Klasse passierten und sie ungesehen die Mädchen begrapschen könnten.

Das sind denn die roten Übermalungen in der Skizze: Jene Gebiete, in denen ein besonders hohes Risiko für die Mädchen besonders unangenehmer Belästigungen und in bestimmten Bereichen auch (zumindest nicht auszuschließen) Schlimmeres vorlag.
Das schwarze Gebäude liegt inmitten roter Punkte.

Zum Glück war mein Kollege in meinem Büro, das ich mit ihm teile. Er hatte eine kleine Taschenlampe an seinem Handy, so dass wir uns organisieren konnten. Die Schülerinnen packten ihre Sachen, ich meinen Laptop, den ich aber einer Schülerin zum tragen gab, um, falls nötig, schnell reagieren zu können. Gemeinsam verließen wir das Gebäude und während ich die Tür abschloss wurde das Getöse lauter und lauter. Irgendwo aus der finstersten Dunkelheit drangen die brodelnden Geräusche zu Marionetten ihrer Hormone mutierter Jugendlicher. Die Mädchen warteten und waren still, sie fühlten sich deutlich unwohl. Wie der Karte zu entnehmen, führt der kürzeste Weg zu den Mädchenbaracken vorbei an Form VI, welche links meines Büros liegt. Das wussten freilich auch die Jungs, die genau dort lauerten.

Ich schlug daher vor, den längeren Weg vorbei an Form III, rechts unterhalb meines Büros, zu nehmen, da uns dort niemand erwartete. Anhand der Tatsache, dass von den Schülerinnen direkt Zustimmung kam, wurde mir noch mal klar, dass das ganze wirklich kein Spiel war. So ging ich voran, leuchtete mit meinem Handydisplay den Weg aus; gefolgt von den Mädchen und dem anderen Lehrer. Der Umweg machte sich bezahlt, wir umgingen die Meute und Form III war bereits leer. Einige Schüler waren noch bei Form V, welche sich direkt darunter befindet. Auch hier hatte es eine Unterrichtsstunde gegeben und einige Mädchen waren verstreut zwischen Jungen. Sie schlossen sich unserer Gruppe an, während ich Jungs, die im Weg standen, zur Seite stupste. So erreichte unsere mittlerweile gewachsene Gruppe schließlich die Mehrzweckhalle, von wo aus die Mädchen allein bis zu ihren Baracken gingen. Ich begab mich nach Hause, holte meine Taschenlampe und ging noch etwas die ‚Grenzstraße‘ entlang, um sicherzugehen. Nach etwa 15 Minuten dann kehrte der Strom endgültig zurück und mein Arbeitstag endete friedlich.

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Das vermisste Mädchen

Am Mittwoch vor einer Woche kam ich von einer dreitägigen Studienfahrt der Form Six zurück. Am nächsten Tag erzählte mir eine Schülerin aus Form Four, dass seit Dienstag eine Klassenkameradin nicht mehr gesehen wurde. Sie sei nachts heimlich durch ein Loch im Schulzaun verschwunden und seit dem nicht wieder aufgetaucht – auch nicht zu Hause. Am Vortag hatte ich erst die Nachricht vom Knastaufenthalt anderer Schülerinnen erhalten. So waren also vier Mädchen nicht mehr in der Karaseco.

Was mich von Beginn an an der Sache stutzig machte war, dass nur eine Woche später die Schüler der Form Four ihre finalen Prüfungen haben sollten. Sie war also quasi direkt vor der Ziellinie, auf die sie vier Jahre hingearbeitet hat, abgehauen. Warum sollte sie das tun? Warum sollte sie zudem niemanden davon erzählen? Ich hatte einige Male mit ihr gesprochen und sie gemocht, so entschloss ich mich, der Sache nachzugehen.

Zunächst habe ich mit ihrer kleinen Schwester aus der Form One gesprochen. Auch sie war schon Thema in diesem Blog, als sie versuchte, sich umzubringen.
Bevor das Mädchen verschwand, hatte es wohl das Geld genau dieser Schwester mitgenommen. Keine große Summe, etwa fünf Euro, durch die die Kleine aber nicht nach Hause konnte, obwohl sie aber in wenigen Tagen eine Beurlaubung hatte, um eine Art Vorfeier für eine Hochzeit einer anderen Schwester beizuwohnen. Ansonsten konnte sie mir nur sagen, dass sie zu Hause nicht aufgetaucht war.
Ich verbrachte das Wochenende außerhalb der Schule und legte deshalb in meinen Nachforschungen eine Pause ein.

Am Dienstag habe ich dann wieder recherchiert, immerhin war sie dann schon eine Woche lang nicht mehr gesehen. Zunächst fragte ich die Mitschülerin, die mir zuerst vom Verschwinden erzählt hatte, nach Neuigkeiten. Sie erzählte mir dass das Mädchen einer anderen Mitschülerin wohl umgerechnet etwa 120 Euro gestohlen hatte, bevor sie abhaute. Außerdem war sie in der Nacht zuvor wohl mit einer der Schülerinnen, die später im Knast sein sollten, unterwegs. Ihr habe die Vermisste erzählt, sie wolle nach Bukoba, einer Stadt etwa drei Stunden Busfahrt entfernt am Viktoriasee.

Anschließend habe ich noch mal mit der kleinen Schwester, die inzwischen von den Feierlichkeiten, die zu erreichen ich ihr etwas Geld geliehen habe, zurückgekehrt war, gesprochen. Noch immer war das Mädchen nicht zu Hause aufgetaucht, auch Tante und Onkel in Bukoba hatten sie nicht gesehen. Ich begann, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Die Umgebung ist für ein junges, attraktives Mädchen, das alleine unterwegs ist, nicht ungefährlich. Es schien durchaus möglich, dass ihr etwas ernsthaftes zugestoßen war. Eine Vergewaltigung war nicht auszuschließen.

Heute habe ich mit der Mitschülerin, der das Geld geklaut wurde geredet. Sie sah das Mädchen als eine gute Freundin und erzählte mir mit traurigem Gesicht, dass auch sie keine Idee habe, wo sie sein könnte. Niemals habe sie etwas erwähnt, keine Andeutungen gemacht, auch von einem Freund außerhalb der Schule wisse sie nichts. Ich erwähnte die Schülerin, die zuletzt mit der Verschwundenen unterwegs und mittlerweile (nach der Sache mit dem Gefängnis) von der Schule geschmissen war sowie ihre Spur nach Bukoba. Meine Gesprächspartnerin hatte mit jenem Mädchen gesprochen und bestätigte diese Aussagen, unterstrich jedoch, dass jenes Mädchen auch nicht mehr wisse. Ich fragte, ob sie vielleicht eine Handynummer jenes Mädchen hätte, da ich wusste, dass sie seit ihrem Rauswurf in ihrem Heimatort Bukoba war. Da auch die Spur der Vermissten dorthin führte, wollte ich mich in der Hoffnung, sie beiden, die schließlich befreundet waren, hätten sich inzwischen getroffen, mit ihr in Verbindung setzen. Meine Gesprächspartnerin schickte mich zu einer weiteren Schülerin, die wohl die Handynummer hätte.

So sprach ich denn heute auch mit ihr. Schülern sind, zur Erinnerung, Telefone verboten, weshalb sie nur zögerlich über die Nummer sprach. Sie habe bereits versucht anzurufen, jedoch sei die Nummer nicht erreichbar gewesen. Dennoch bat ich sie, sie mir zu geben, dass auch ich es versuchen konnte. Über die Vermisste selbst wusste sie noch zu erzählen, dass sie wohl einen Freund in der Schule hatte. Der würde aber auch nichts wissen, er habe es kaum ernst gemeint – wie ohnehin die meisten Jungen in der Schule. Ansonsten teilte sie meine Sorge, was eine Schülerin dazu bringen könne, so kurz vor den Examen zu verschwinden. Ihre Noten schienen jedenfalls nicht schlecht zu sein. Meine Gesprächspartnerin vermutete „etwas, mit dem Gott nicht einverstanden“ sei hinter der Sache, auf Nachfrage präzisierte sie: Hexerei. Es helfe nur, für sie zu beten.

Leider muss ich sagen, dass meine Erzählung hier zunächst endet. Das ist der aktuelle Stand, ich kann auch kein Happy End für die Zukunft versprechen. Deswegen ist der Text auch etwas unübersichtlich. Mit etwas mehr emotionaler Distanz hätte ich vielleicht fiktive Namen erfunden und alles in eine ausführlichere Geschichte gepackt. Aber die Realität sieht so aus, dass sie irgendwo nicht weit von hier tot in einem Gebüsch liegen könnte. Oder sie ist mit irgendwem, von dem niemand weiß, durchgebrannt. Vieles ist denkbar, wenig davon eine angenehme Vorstellung.

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Im Knast

Hexerei, Exorzismen, Todesfälle, Selbstmordversuche, Liebe und Intrigen – und als ob diese Liste nicht schon genug nach schlechter Soap klingt, wird sie ständig erweitert. Jetzt hatten drei Schülerinnen die zweifelsfrei verzichtbare Erfahrung, für drei Nächte im tansanischen Knast gewesen zu sein.

Wie ich in den Artikeln über den Respekt und die Frauen berichtet habe, kämpfen junge Frauen und Mädchen in Tansania ständig mit Belästigungen. Deshalb gibt es sehr strenge Gesetze: Wer mit einer minderjährigen Schülerin Geschlechtsverkehr hatte, muss damit rechnen, für bis zu 30 Jahre ins Gefängnis zu wandern. Das hält freilich viele nicht davon ab, es dennoch zutun. Erst vor wenigen Monaten wurde eine unserer Schülerinnen mit einem Brothändler aus einem Nachbardorf erwischt – sie flog von der Schule, er sitzt seit dem.
Mitte August kam eine Gruppe von so genannten „Student Teachers“ zur Karaseco, Lehramtsstudenten, die praktische Erfahrung sammeln sollen, vergleichbar mit Referendaren in Deutschland also. Sie unterrichteten ihre Fächer, wohnten auf dem Schulgelände und einige von ihnen verstanden die ihnen aufgetragene Verantwortung, sich um die Schüler zu kümmern, wohl falsch. Mindestens drei der männlichen Student Teachers belästigten verschiedene Mädchen und hatten bei einigen auch Erfolg. Ihr Haus lag in der Nähe der Schülerinnenbaracken, einem regen Austausch samt Besuchen schien nichts im Wege zu stehen.

Es ist schwer zu sagen, welchen Entwicklungen unter der Oberfläche letztlich dazu führten, dass sie verpetzt wurden. Mein Stand der Erkenntnis ist der, dass eine (recht unbeliebte) Schülerin bei den „echten“ Lehrern Bericht erstattete. Was genau sie dazu bewog, weiß ich nicht. Unstimmig ist nämlich, dass wohl auch sie selbst hin und wieder in dem Haus zu Gast war, angeblich um zu kochen (was ja den Schülern verboten ist und daher durchaus denkbar).
Wie auch immer: Die drei Student Teachers wurden mit drei Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren erwischt. Zwei sollen in den Schlafzimmern gewesen sein, eine im Wohnzimmer ferngesehen haben. Alle gemeinsam wurden zur Polizei gebracht, wo sie de erwähnten drei Nächte in eine Art Untersuchungshaft kamen. Konkret bedeutet das, dass drei minderjährige Schülerinnen, die sicherlich einen Fehler gemacht, aber kein Verbrechen begangen haben, in einer Massenzelle, deren genaue Belegung mir unbekannt ist, eingesperrt wurden. Es gab weder Betten noch Toiletten, geschlafen wurde auf kaltem Steinboden, Geschäfte in einen Eimer verrichtet. Zusätzlich wurden die Mädchen zu einem Arzt gebracht, um untersuchen zu lassen, ob es zum sexuellen Kontakt gekommen ist (Ägypten lässt grüßen). Mittlerweile sind sie wieder frei; die Ergebnisse der Untersuchung, wie auch immer eine solche stattfinden soll, schließlich handelt es sich nicht um einen Vergewaltigungsfall, sprechen gegen Intimitäten. Die Gliedmaßen der Mädchen weisen Verfärbungen und Flecken, die von der Kälte stammen auf. Mindestens eine ist an einer Grippe erkrankt.

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich wenig in meinem Jahr emotional so belastet hat wie diese in meinen Augen unglaubliche Behandlung von jungen Mädchen, die nichts getan haben, was auch nur eine Inhaftierung selbst nach menschenrechtlich unbedenklichen Standards im Ansatz rechtfertigen könnte. Hinzu kommt, dass die jüngste von ihnen jenes Mädchen ist, dass erst kürzlich einen Exorzismus am eigenen Leib erleben musste. Alle drei Schülerinnen kenne ich und eine genießt meine ehrliche Sympathie.
Jetzt tagt die Schulleitung, um zu beschließen, wie mit dem Fall weiter verfahren werden soll. Vermutlich werden die Mädchen der Schule verwiesen.

Wie vielleicht aus meinem Bericht erkenntlich wird, sind meine Informationen derzeit noch begrenzt. Mit einigen Leuten habe ich schon über den Vorfall geredet und dadurch Details verschiedener Seiten (Lehrer wie Schüler) erhalten. Trotzdem möchte ich in den nächsten Tagen noch weitere Gespräche führen und nicht zuletzt in Erfahrung bringen, wie mit den Student Teachers verfahren wird. Sollte dabei noch etwas Neues ans Licht kommen, werde ich wie beim Exorzismus einen Nachtrag liefern.

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