Der Respekt und die Frauen (1): Rollenbild und Brautpreis

Vor meiner Reise nach Ruanda habe ich noch einige Tage –ich bin soeben zurueck gekehrt- in Bukoba am Viktoriasee verbracht. Und wie so oft wurde ich Zeuge einer sehr respektlosen Haltung gegenueber Frauen beziehungsweise Maedchen, die ein Gross der Maenner und Jungen hier leider viel zu haeufig an den Tag legt. Grund genug, mal ueber die Frauen in meinem Blog zu berichten.

Die traditionelle Aufgabe der Frau ist neben der in vielen Kulturen ueblichen Hausarbeit auch die Feldarbeit. Die des Mannes ist es, die Wirtschaft durch regelmaessigen Alkoholkonsum anzukurbeln – so scheint es zumindest. Tatsaechlich findet man auf de Doerfern Maenner haufig in Gruppen sitzen, ueber wichtige und unwichtige Dinge reden und trinken. Frauen hingegen trifft man selten ohne Arbeit an. Egal ob noch junge Maedchen, die Wasser holen und die Einkaeufe erledigen oder erwachsene Frauen, die auf dem Feld schuften, kochen und Waesche waschen. Frueher mag der Mann als Soldat, Jaeger oder fahrender Haendler seine Aufgabe in diesem Rollenbild gehabt haben. Das hat sich allerdings mit der Zeit in vielen Familien geaendert. Frauen, die also alles am Laufen halten und nebenbei natuerlich auch die Kinder grossziehen, haben dadurch einen besonderen Wert. Dieser Wert drueckt sich nicht durch Respekt aus, der ja eigentlich angemessen waere, als viel mehr durch eine beibehaltene Tradition, die wohl in der Arbeitskraft der Frauen ihren Ursprung hat. Eine Familie, sprich der Mann, der ihr vorsteht, also der Vater, hat durch diese Rollenaufteilung so viele Arbeiter, wie Frauen im Haus leben. In einem einfachen Fall waeren das die Ehefrau und die Toechter. Haeufig kommen noch andere Verwandte hinzu, Schwestern, Cousinen, Nichten.
Die Toechter verlassen mit der Heirat ihre Familie, um dem Ehemann zu dienen. Damit verliert ihr Vater eine wertvolle Arbeitskraft – logisch also, dass hier eine angemessene Entschaedigung angebracht ist. Und so kommt es, dass, wer eine Ostafrikanerin heiraten moechte, erstmal einen Brautpreis bezahlen muss. In der Regel sind dies Nutztiere, etwa Rinder oder Ziegen. Der Preis wird mit den Eltern und Familienaeltesten abgesprochen und richtet sich in erster Linie nach der Attraktivitaet und manchmal auch dem Bildungsstand der Tochter. Ein sehr gefragtes Maedchen kann schon mal mehr als acht Kuehe kosten; eine gute Kuh wiederum kostet etwa 200 Euro. Dass 200 Euro in Tansania eine stattliche Summe sind, kann sich jeder selbst denken.

Um keine Missverstaendnisse aufkommen zu lassen: Hier geht es nicht um Zwangshochzeiten. Normalerweise stimmt die Tochter zu und sucht sich ihren Mann selbst aus – auch wenn der seine Anfrage fuer eine Ehelichung zunaechst an den Vater richtet. Theoretisch verbirgt sich hier viel Konfliktpotential. Etwa, wenn die Eltern mit der Wahl der Tochter nicht einverstanden sind, der junge (oder alte) Mann die noetigen Tiere nicht aufbringen kann oder die Eltern ihrerseits einen von der Tochter unerwuenschten Mann erkoren. In der Regel geschieht die Auswahl jedoch im Einverstaendnis von Tochter und Eltern und solche Konflikte treten gar nicht erst auf.
Trotzdem habe ich mal einige Maedchen (zwischen 18 und 22 Jahren) gefragt, wie sich sich im Falle einer noetigen Entscheidung verhalten wuerden. Es fiel ihnen schwer, darueber nachzudenken, da Familie und Liebe neben dem Glauben die wichtigsten Dinge in ihrem Leben darstellen. Trotzdem schienen die meisten ihren Eltern den Vorzug zu geben.

Abgesehen von solch fiesen Entscheidungsfragen, die sie in Realitaet wohl nie treffen muessen, habe ich mit ihnen natuerlich auch ueber den Brautpreis allegmein geredet und sie, als quasi betroffende, nach ihrer Meinung gefragt. Allesamt sahen diese Tradition als positiv, der hauptsaelich genannte Grund hierfuer war, dass sie den Respekt des Mannes gegenueber der Familie und der Herkunft der Frau ausdruecke. Sie fuehlen sich in keinster Weise verkauft oder durch einen Marktwert bestimmt. Ich konnte auch ohne Probleme fragen, was ihre Schwestern so gekostet haben. Der Brautpreis mag also aus europaeischer Sicht rueckstaendig und frauenverachtend wirken, ist hier aber bei beiden Geschlechtern akzeptiert, wertgeschaetzt und mit einem moderneren Verstaendnis, naemlich eines Ausdrucks des Respekts, neuinterpretiert worden.

Wenn nichts dazwischen kommt, folgt morgen der zweite Teil von “Der Respekt und die Frauen” – mit der Erklaerung was das alles mit meinem Ausflug nach Bukoba zutun hat.

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5 Antworten auf „Der Respekt und die Frauen (1): Rollenbild und Brautpreis“


  1. 1 Oliver 08. Juni 2011 um 20:27 Uhr

    Lieber Basti,
    wir haben die letzten 2 Tage hier ausschließlich über gender diskutiert und der Brautpreis wurde immer wieder von den Frauen als ein Problem genannt. Der Mann hat schließlich bezahlt, dann kann die Frau auch 16 Stunden am Tag arbeiten.
    Einer meiner Kollegen hier hat mich heute gefragt, warum ich denn überhaupt heiraten möchte, nachdem ich ihm erzähl hatte, dass ich kochen kann…
    Bis demnächst,
    Olli
    PS: Geheimtipp: Orientier dich n bisschen weiter nach Süden, in Ngara ist der Brautpreis wohl allerhöchstens 2 Kühe ;-)

  2. 2 Bastian 09. Juni 2011 um 11:17 Uhr

    Hey Olli,

    ich frage mich aber, ob das ohne Brautpreis anders waere. Glaube dieses Argument der Maenner ist eher vorgeschoben; andernfalls wuerden sie doch genauso erwarten, dass die Frau arbeitet. Glaube daher, dass das Problem wirklich nicht der Brautpreis ist.
    Dennoch natuerlich interessant, da auch mal andere Meinungen von anderen Frauen zu hoeren. Bist du noch in Uganda? Waren das Uganderinnen? Dorf/Stadt? Bildungsstand? Alter? Wuerde mich echt interessieren, schliesslich haben die ja scheinbar eine ganz andere Einstellung als alle, mit denen ich bisher sprach. Habe es auch schon gehabt, dass ein Junge den Brautpreis kritisiert hat, waehrend das Maedchen in der Diskussion ihn verteidigte.

    Ja das haette ich noch etwas staerker hervor heben sollen, dass der Brautpreis sich durchaus am Markt orientiert; nicht nur dass er bei huebscheren Maedchen teurer ist, sondern auch, dass er sich an die Zahlungsfaehigkeit der Maenner anpasst.

    Bis denn,
    Basti

  3. 3 Oliver 09. Juni 2011 um 17:49 Uhr

    Jo bin noch hier, heute wieder den ganzen Tag über gender geredet, wird langsam langweilig. Dienstag gehts zurück.

    Ich will nicht behaupten, dass es ohne Brautpreis Gleichberechtigung gäbe, aber ich bin überzeugt, dass er zur Dominanz der Männer beiträgt. Wir haben heute über die ungleiche Kontrolle der Ressourcen gesprochen und der Brautpreis war wieder Thema. Man kann das „kaufen“ der Frau natürlich als Fehlinterpretation des Brautpreises sehen, er wird aber nunmal häufig so interpretiert. Die Frau ist mein Eigentum und Eigentum kann nichts besitzen. Außerdem wird das Ungleichgewicht des in die Ehe eingebrachten Kapitals noch erhöht, was den Unwillen der Männer die Ressourcen zu teilen sicherlich verstärkt (der Mann hat normalerweise ein Haus in das die Frau einzieht und ein bisschen Land, während die Frau minus den Brautpreis einbringt).

    Es war echt schockierend wie schlimm selbst in unserer Gruppe die Unterdrückung ist. Es sind alles Entwicklungshelfer oder Counsellors, viele mit Universitätsabschluss. Die Frauen haben in den Diskussionen teilweise weinend den Raum verlassen, weil sie an die Situation in ihrer eigenen Familie erinnert wurden.

    Auch bei uns waren aber die Männer am stärksten gegen den Brautpreis, einige sparen seit Jahren. Von einer recht westlich orientierten Frau die in Dar aufgewachsen ist hab ich gehört dass ihr Vater seine Töchter nicht „verkaufen“ möchte und deshalb kein Brautpreis bezahlt werden soll.

    Alle Teilnehmer (außer mir) sind aus Tansania und Uganda, von vielen verschiedenen Stämmen die den Brautpreis sehr unterschiedlich handhaben. Bei einigen gibts die Frau auch auf Kredit und meistens wird dann garnicht bezahlt. Das verhandeln hat sich soweit ich weiß in den letzten Jahren entwickelt, 1-2 Generationen früher war der Brautpreis wohl meistens diktiert.

    Bis demnächst,

    Olli

  4. 4 Bastian 09. Juni 2011 um 18:05 Uhr

    Ist wohl wirklich eine Frage, wie der Brautpreis interpretiert wird und wie streng das alles gesehen wird. „Meine“ Maedels haben eher diese moderne Interpretation und damit ists auch kein Unterdrueckungswerkzeug mehr, allerdings auch nur, wenn der kuenftige Mann ebenfalls eine moderne Interpretation hat.

    Ich koennt mir auch vorstellen, dass das zu Teilen eine Generationensache ist. Ich habe ja eher mit Juengeren gesprochen. Dazu natuerlich noch lokale nterschiede usw, denke ist schwer eine allgemeine Aussage ueber diese Tradition zu faellen.

    Ich glaub aber ehrlich gesagt, dass sich auch ohne Brautpreis gar nichts aendern wuerde. Da muss am Grundverstaendnis von Geschlechtergleichberechtigung angesetzt werden und da gibt es ja von klein auf Defizite. So werden ja auch Toechter und Soehne nicht gleich behandelt, Toechter arbeiten und Soehne gehen zur Schule (falls bezahlbar). Und auch auf der Strasse zeigt sich ja diese krasse Respektlosigkeit immer wieder (siehe neuen Blogeintrag).

    Habe aber auch schon wie du von einem Fall gehoert, in dem ein Vater sich geweigert hat, einen Brautpreis anzunehmen. Also das gibt’s auf jeden Fall auch hin und wieder.

    Muessen uns mal bissl austauschen wenn du wieder hier bist. Bei Kuerbissuppe und Kuchen oder so ;)

  1. 1 Im Knast « Freiwilligenjahr in Karaseco, Tansania Pingback am 04. Oktober 2011 um 13:33 Uhr
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