Exorzismus

Vor Kurzem hatte ich mir noch „Der Exorzist“ auf DVD aus Deutschland schicken lassen. Ich hatte mal wieder Lust auf diesen Klassiker bekommen. Jetzt brauche ich ihn nicht mehr…
Ich komme gerade von einem echten Exorzismus. In Spielfilmlänge, mit einer Dauer irgendwo zwischen 90 und 120 Minuten.

Momentan geht mir noch ziemlich viel durch den Kopf, ich habe hier ja schon vieles erlebt – aber eine Teufelsaustreibung ist ein durch und durch schockierendes und gruseliges Ereignis, insbesondere wenn man die betroffene Schülerin kennt.

Ich will versuchen, chronologisch zu erzählen und knüpfe am letzten Blogeintrag über das Feuer an.
Nachdem ich jenen geschrieben hatte habe ich mich einigen Mails gewidmet und bin schließlich raus gegangen, um eine Lehrerin zu fragen, ob sie inzwischen wisse, was Ursache des Feuers war. Ich habe die Lehrerin denn auch gefunden und sie erzählte mir, dass tatsächlich die Mädchen wie gewohnt ihren Müll verbrannt und scheinbar nicht aufgepasst hätten. Dann erzählte sie mir, dass sie von der Krankenstation käme. Als die Schülerinnen das Feuer sahen und anfingen zu schreien (wir beschrieben rannte daraufhin die ganze Schule halbpanisch dorthin) hatten sich zwei leicht verletzt, als sie von ihren Tischen aufspringen wollten. Die eine am Bein, eine andere am Kopf. Außerdem gäbe es noch eine dritte Schülerin, von der nicht so ganz klar ist, was sie hat. Sie – die Lehrerin – hätte soeben ein paar Schüler geschickt, um den Schularzt zu holen. Als sie dann vorschlug, gemeinsam zur Krankenstation zu gehen, war ich, neugierig wie ich bin, nicht abgeneigt und begleitete sie.

Auf dem Weg dorthin hörte ich auch schon die Schreie einer Schülerin, die von dort herüberschallten. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da ich schon einige sehr empfindliche Schüler getroffen hatte. Beispielsweise erst vor zwei Tagen, ein Sechstklässler, um die 20 Jahre alt. Aber als ihn ein Moskito stach, oh wei, da war was los. Als wir an unserem Ziel ankamen waren einige Schüler dort, ein Junge, rund ein Dutzend Mädchen, dazu der Nachtwächter. Einige, darunter jene Leichtverletzten, saßen auf einer Bank, die Übrigen standen um die ominöse dritte Patientin herum, welche auf der Grasfläche vor der Krankenstation lag. Sie unterhielten sich leise, spaßten ein wenig, die Schülern bewegte sich nicht und lag dort nur in Seitenlage. Sie war eine Erstklässlerin, 14, glaube ich, und recht frech. Mehr in ihrem Verhalten als in ihrer Sprechweise; jedenfalls gehört sie für mich zu den sympathischeren auch wenn sie etwas frühreif wirkt und auffällig häufig mit Jungs verschiedener Klassen zu sehen ist. Insgesamt jedenfalls eine friedliche Szene.

Die Lehrerin versuchte dann erneut den Arzt telefonisch zu erreichen und schließlich gelang es ihr auch und er machte sich auf den Weg.
Noch bevor er ankam, fing die erste Phase des Exorzismus an. Bis dato war es eine ganz gewöhnliche Szene gewesen. Dann hockte sich der Junge neben das Mädchen, hob ihren Kopf und sprach zu ihr auf Swahili. „Guck mich an. Guck mich an!“. Das Mädchen fiel in einen Schlaf, so schien es. Sie bewegte sich nicht. Dann kamen die Schülerinnen, die herum standen und hielten sie an Armen und Beinen fest. Der Junge behielt ihren Kopf in seinen Händen und redete jetzt lauter, bestimmender auf sie ein. Es hat nicht lange gebraucht, bis ich verstanden habe, das er eine Teufelsaustreibung vollzog. Er sprach auch gar nicht zu ihr, sondern zu Satan, den er in ihr vermutete. „Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!“ und immer wieder „Feuer! Feuer!“.

Das Mädchen erwachte aus seinem Schlaf. Sie stöhnte erst, schrie dann, lauter und lauter. Seine Worte wurden strenger. „Verschwinde!“. Er brüllte nicht, redete aber sehr laut. Mal in das eine, mal in das andere Ohr. „Feuer! Feuer!“. Sie war endgültig erwacht doch schien in einer Art Trance zu sein. Sie fing an sich zu bewegen, zu zappeln, versuchte Arme und Beine loszureißen. „Feuer!“. Das stetige Drohgebet des Jungen, nur unterbrochen von ihren Schreien. Sie fügten ihr keinen physischen Schmerz zu. Dann mischte sich der Nachtwächter ein. Eines der Mädchen, dass das Bein der vermeintlich Besessenen festhielt, war unaufmerksam, ließ es los. Der Nachtwächter ermahnte sie zur Vorsicht, das wild zappelnde Bein könne sie sonst verletzen. Dann befahl der Schüler weiter. „Im Namen Jesu Christi!“. Der Arzt kam, die erste Runde endete nach einer geschätzten Viertelstunde.

Trotz meines Schockzustandes, den ich irgendwo hatte, musste ich im nächsten Moment leicht schmunzeln. Keine Minute nach dem Ende der ersten Runde (von der ich natürlich noch nicht wusste, dass es nur der Anfang war) sah ich eine schwarze Katze hinter der Hauswand verschwinden. Es war wieder still geworden. Das Mädchen war mit dem Ende er Gebete auch wieder in seinen Schlaf verfallen. Wie auf Knopfdruck. Der Arzt untersuchte derweil kurz die Leichtverletzten und schickte sie dann fort. Die Schülerinnen hielten anschließend die betroffene Erstklässlerin hoch und trugen sie in die Krankenstube, legten sie in einem Raum hin. Ich blieb draußen, doch die Fenster wurden geöffnet und da es ja längst dunkel war die Lichter angeknipst. Ich saß direkt vor dem Fenster und habe alles auch weiterhin mitbekommen.

Es folgte denn auch die zweite Runde. Diesmal legte ein zweiter Nachtwächter, der inzwischen hinzu gekommen war, seine Hände auf ihren Kopf. Wieder hielten Schülerinnen ihre Gliedmaßen fest. Während er seine befehlenden Gebete sprach, versanken die Umstehenden in stille Gebete. Kaum fing er an – „Verschwinde! Ich befehle dir zu verschwinden!“ – erwachte das Mädchen erneut aus seinem Schlaf, stöhnte, schrie, versuchte um sich zu schlagen. Ich habe förmlich nur darauf gewartet, dass es noch in fremden Zungen spricht, dies blieb aber aus. Währenddessen kam der Headmaster dazu und wohnte dem Exorzismus einige Minuten bei, bis er wieder verschwand. Der Arzt ging aus dem Haus und setzte sich wartend vor die Tür. Ich war mir nicht ganz sicher, wie er dazu stand. Die zweite Runde verlief und endete wie die erste, nach dem Getöse wieder komplette Stille, die Schülerin wieder in ihrem Schlaf.

Nach etwa zehn Minuten Ruhe folgte die dritte Runde. Auch jetzt nahm der Nachtwächter ihren Kopf und sprach auf sie ein, doch die Rolle der Übrigen war diesmal eine andere. Zuerst sprachen sie jeder laut Gebete, dann begann ein jeder von ihnen es dem Nachtwächter gleich zu machen und auf das Mädchen dass nicht mehr zappelte, nur noch stöhnte, einzureden. „Verschwinde!“, „Verabschiede dich!“, „Feuer!“, „Im Namen Jesu!“, „Gott ist groß!“ – ein Wirrwarr von Stimmen, eine drohender als die andere. Das ging ein paar Minuten, dann redete wieder nur noch der Schüler vom Anfang auf sie ein während die anderen sangen. Zu der Zeit brachten zwei weitere Schüler eine Bibel zur Krankenstation. Zuvor waren schon immer wieder vereinzelt neue Schülerinnen gekommen, einige von ihnen gut mit mir befreundet. Schließlich waren rund 20 Leute in dem Zimmer und nahmen an der Zeremonie teil. Es war gespenstisch, dieser Misch aus Gesang, Befehlen und Gestöhne.

Wie die Runden zuvor war auch diese vorbei, als das Mädchen wieder in seinen Schlaf fiel. Die Gruppe versank wieder in stille Gebete, andere warteten draußen. Der Headmaster kam zurück und kurz darauf ging eine allgemeine Aufregung um: Das Mädchen war wieder aufgewacht, doch diesmal ohne Gestöhne oder ähnlichem. Es war verstört, aber ansprechbar. Es folgte die vierte, finale Runde. Sie bestand aus Befragung, die Headmaster und Schularzt gemeinsam vornahmen. „Wie viel Uhr haben wir? Wie heißt du? In welcher Klasse bist du? Auf welcher Schule bist du?“; sie schaffte es, alle Fragen zu beantworten. Doch sie sprach leise, zögerlich, überlegte lange. Sie ließ ihren Blick umherschweifen, auf mir verharrte er kurz bis er weiterwanderte. Zufrieden, dass sie wieder zu sich selbst gefunden haben und vom Teufel verlassen zu sein schien, endete die Prozedur mit einem individuellem Dankgebet, dass jeder gleichzeitig von sich gab. Die Augen geschlossen, in voller Konzentration dem Herrn für seine Gnade, die er diesem Mädchen zu Teil haben ließ, dankend. Schließlich geleiteten die Mädchen der Gruppe die vermeintlich Erlöste zu ihrer Baracke.

Nach fast zwei Stunden Gebet, Gesang und Kampf gegen Satan sind alle Teilnehmer sichtbar erleichtert – und ich etwas verstört. So wenig wie die Schreie der Mutter der Totgeburt, werde ich die unheimliche Atmosphäre des Exorzismus vergessen.

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3 Antworten auf „Exorzismus“


  1. 1 idi amin 26. Juli 2011 um 1:38 Uhr

    Gut berichtet, v.a. die Einleitung ist hübsch gelungen.
    Bei dieser Gelegenheit will ich jedoch mal wagen dich zu fragen, wie es bei dir in solchen und ähnlichen Situationen steht, was den Impuls angeht, einzugreifen.
    Fühlst du dich in diesen Situationen als Ausländer/Fremder nicht berechtigt einzugreifen, hast du es schon einmal versucht, was wäre zu befürchten – oder erschrickst du „nur“, findest aber grundsätzlich nichts weiter schlimm daran?
    Vielen Dank für deine Antworten, weiterhin eine schöne Zeit.
    Und Gruß,
    idi

  2. 2 Bastian 29. September 2011 um 8:59 Uhr

    Danke für das Lob, freut mich zu hören!

    Zu deiner Frage:
    Da eine wirkliche Antwort – und sei es nur für mich selbst – zu finden ist schwer. Ich muss natürlich im Hinterkopf behalten, dass ich aus einer anderen Kultur komme und die Bedeutung und Ausübung des Glaubens hier eine völlig andere Rolle spielt als in Deutschland. Ich halte mich bei solchen Erlebnissen lieber im Hintergrund und versuche später mit den verschiedenen Leuten, die in verschiedenen Positionen dabei waren, zu sprechen. Letztlich, so glaube ich, kann ich nur dadurch zumindest im Ansatz die Hintergründe verstehen. Besonders in Sachen Religion finde ich es äußert schwer, mir ein Urteil zu bilden. Was berechtigt mich auch dazu – zumal in diesem konkreten Fall es ja auch nicht um (körperliche) Gewalt ging.

    Andere Dinge wie die Prügelstrafe in tansanischen Schulen sehen da natürlich anders aus. Da habe ich eine klare Meinung zu, aus der ich keinen Hehl mache. Allerdings gebe ich mich nicht der Illusion hin, soviel Einfluss zu haben, das Thema auf Lehrerkonferenzen oder beim Schulleiter anzusprechen und damit etwas ändern zu können. Ich verfolge eher die Strategie, durch die Art, wie ich mit Strafen und der Disziplin umgehe Alternativen praktisch aufzuzeigen. Viele Lehrer behaupten, schlügen sie die Schüler nicht, hätten diese keinen Respekt. Das kann ich jetzt simpel widerlegen: Ich habe nie einen Schüler geschlagen und werde trotzdem voll respektiert. Ich weiß nicht, ob ich damit langfristig lokal etwas ändern werde; glaube aber, eine höhere Chance zu haben als beim Versuch, bei jedem Schlag dazwischen zu gehen. Dann wäre ich nämlich schnell als der Weiße, der von weit weg kommt und einfach nicht versteht, wie afrikanische Schüler ticken, verschrien.

    Ich hoffe, ich konnte deine Frage zumindest zum Teil beantworten. Diese Frage ist mein ständiger Begleiter, weswegen ich keine endgültige Antwort habe.

    Grüße,

    Bastian

  1. 1 Hintergründe zum Exorzismus « Freiwilligenjahr in Karaseco, Tansania Pingback am 19. Juli 2011 um 13:25 Uhr
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