Hintergründe zum Exorzismus

Der Bericht zum Exorzismus hat viele Fragen offen gelassen, weshalb ich zunächst einen Hintergrundbericht liefern möchte bevor ich mich um den versprochenen Reisebericht und den Bananenartikel kümmere.

Inzwischen habe ich mit einigen Leuten gesprochen, darunter eine Schülerin, die sich aktiv an der Teufelsaustreibung beteiligt hat, drei weitere Schüler, die nicht selbst dabei waren und eine ehemalige Schülerin, die im Februar an der Karaseco ihr A-Level (Abitur) abgeschlossen hat.

Insgesamt machen diese Gespräche das Thema noch gruseliger, als es ohnehin ist. Nur ein Schüler war von der Existenz besitzergreifender Dämonen nicht überzeugt. Für die vier übrigen gab es keine Zweifel darüber.
Doch zunächst zu der Frage, was das Mädchen, an dem der Exorzismus vorgenommen wurde, eigentlich hatte. Durch übereinstimmende Berichte schildert sich die Situation mir wie folgt:

Es ist der Abends des 13.7, eines Mittwochs. Schüler und Schülerinnen gehen wie gewöhnlich zu den Night Preparations, also zu eigenständigem Lernen und Hausaufgaben. Dafür ist (täglich) die Zeit zwischen 19:20 Uhr und 22:30 Uhr vorgesehen.
Kurz nach dem Beginn fällt eine Schülerin aus der ersten Klasse um; offensichtlich in Ohnmacht. Ein paar andere Mädchen bringen sie zur Krankenstation und informieren die Lehrerin, die in dieser Woche die Aufsicht führt. Sie entsendet weitere Schüler, um den Doktor zu holen. Derweil erwacht die bis dahin Ohnmächtige und fragt nach Wasser (eine Schülerin erzählt mir später von einem Durst nach Blut, der die Betroffene geplagt hätte), welches ihr gegeben wird. Anschließend versucht sie wegzurennen – einen genauen Grund oder Auslöser hierfür konnte mir niemand nennen. Die anderen Mädchen jedenfalls halten sie fest und beginnen daraufhin zu beten – worauf die Erstklässlerin wiederum stöhnend und gequält reagiert. Der Exorzismus beginnt.

Später, als alles vorüber ist, klagt das Mädchen über Schmerzen in Kopf und Beinen. Es kann sich -angeblich- an nichts erinnern.
Schon am nächsten Tag, sie ist vom Unterricht befreit, geht es ihr deutlich besser und der Spuk scheint vorbei.
Was sie medizinisch betrachtet hatte, vermochte mir keiner zu sagen. Als ihre Raumgenossinen in der Nacht erfahren, dass sie von einem Dämonen besessen gewesen sei, bekommen sie starke Angst und wollen nicht mit ihr in einem Zimmer schlafen. Es Bedarf der Überzeugungskraft einer beim Exorzismus mitgewirkt habenden Schülerin, um sie davon abzubringen, in anderen Räumen Asyl zu suchen. Es gelingt ihr und die geplagte Erstklässlerin muss nicht die Nacht auch noch einsam und ohne Aufsicht, schließlich könnte Krankheit oder Dämon ja wiederkehren, verbringen.

Es erscheint mir mehr als verständlich, bei einem solchen überzeugtem Glauben an die Diener Satans panische Angst vor einer besessenen zu haben. Darum habe ich die erwähnte Schülerin, die an der Austreibung teilnahm, auch gefragt, ob sie denn keine Angst gehabt hätte. Schließlich hatte sie sich, wenn auch nicht allein, dem direkten Kampf gegen den Teufel gestellt. Während unseres Gespräches saßen wir auf einer Bank und sie betrachtete den Boden vor sich. Nach dieser Frage jedoch hielt sie kurz inne und drehte ihren Kopf dann langsam zu mir. Ihre Augen leuchteten als sie mir erklärte: „Nein, denn Gott ist mit mir“.

Aber wie wird man eigentlich besessen? Auch diese Frage habe ich mehreren Schülern gestellt.
Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens, man infiziert sich bei einer bereits besessenen Person. Deshalb auch die große Angst der anderen Mädchen, die das Zimmer mit der Betroffenen teilen. Dabei ist dieser Vorgang in gewissem Maße eine Glaubensprüfung. Wer rechtschaffen und fromm ist, verfügt über eine Art Impfschutz.
Die zweite Möglichkeit hat traditionelle afrikanische Religionen in sich aufgenommen: Hexerei. „In Europa gibt es das vielleicht nicht, aber hier gibt es Leute die von Hexenkraft Gebrauch machen“, erzählt mir nicht nur ein Schüler. Durch dunkle Rituale wird das Opfer mit einem Fluch belegt; die Motive können so vielfältig sein wie für jedes Verbrechen. Eifersucht, Gier, Rache. Tiere spielen hier eine große Rolle, das Bild der Hauskatze als eigensinnige Dienerin der Hexer und Hexen ist auch hier verbreitet. So berichtet mir eine Schülerin, dass sie die Katzen, von denen einige im Schutze der Dunkelheit in der Schule rumlaufen, fürchtet. Sie seien nicht gewöhnlich, sie kämen nachts manchmal durch verschlossene Türen in die Räume der Baracken.

Für die teilhabende Schülerin war es übrigens der erste Exorzismus, andere hatten zwar noch nie partizipiert, aber schön häufiger zugeschaut. Zwei der Befragten waren zuvor in Uganda in einer Schule; beide erzählten mir, dass es dort häufiger solche Zeremonien gegeben hätte.
Ich habe jedes Gespräch mit jedem Schüler einzeln geführt, um möglichst die eigenen Ansichten zu erfahren. Eine der Schülerinnen halte ich für eine der klügsten und gebildetsten hier in der Schule, in der der Bildungsstandard ohnehin schon wesentlich höher ist als in den Dörfern drumherum. Den Glauben einfach als dummes abergläubisches Geschwafel abzutun, erscheint mir zu kurz.

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1 Antwort auf „Hintergründe zum Exorzismus“


  1. 1 idi amin 26. Juli 2011 um 1:33 Uhr

    „bevor ich mich um den versprochenen […] Bananenartikel kümmere.“

    Schön, dass du diesen nicht vergessen hast! Über eine Antwort deinerseits würde ich mich weiterhin sehr freuen!
    Gruß,
    Idi

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