Selbstmordversuch

Wieder schiebe ich die versprochenen Artikel auf, denn wieder hat sich etwas zugetragen, das mich dazu veranlasst, aus dem Affekt einen Bericht zu schreiben.

Vor wenigen Tagen hat eine 12-jährige Schülerin versucht, sich umzubringen. Sie ist dabei gar nicht erst zum eigentlichen Versuch gekommen, sondern scheiterte glücklicherweise bereits an der Beschaffung eines Rattengiftes, welches sie verwenden wollte.
Ich habe gerade erst von diesem Fall erfahren und er macht mich sehr betroffen, da ich das Mädchen sehr schätze und, ja, wenn man es so nennen möchte, zu meinen Lieblingsschülern zähle. Ich weiß auch, dass sie mich schätzt. Allerdings führt schon allein die Sprachbarriere dazu, dass sie mir nicht von ihren Problemen erzählen könnte. Trotzdem kenne ich jetzt einige Hintergründe.

Der Auslöser für ihre Entscheidung war, dass Mitschüler ihr wohl Geld geliehen hatten, dass sie, da sie kein Taschengeld bekommt, nicht zurückzahlen konnte. Deshalb drohten jene Schüler, ihre Hefte zu zerreißen. Der eigentlich drohende Schatten hinter dieser eher harmlos klingenden Geschichte ist aber die Mutter. Die ist nämlich, wenn ich den Erzählungen glauben schenken darf, knallhart, sitzt unter anderem im Distriktparlament und ein durch und durch dominanter Typ. So drohte sie ihren Kindern angeblich, dass sie sich im Falle des Scheiterns in Examen besser selbst umbrächten, als zu erleben, wie sie zornig ihnen gegenüber würde.

Schulhefte sind in Tansania um einiges bedeutsamer als in Deutschland. Dort schreiben Schüler ihre Notizen und Aufgaben hinein und legen sie anschließend ad acta. Hier dagegen legt das Schulsystem mehr Wert auf pauken denn verstehen. Was bedeutet, dass die Schüler mit ihren Heften lernen und diese auch häufig an die nächste Generation weitergeben. Ein Übungsheft stellt damit ein wichtiges Symbol für den Erfolg des Studiums dar. Darüber hinaus ist es auch ein materieller Wert und, wie erwähnt, das Mädchen verfügte über kein eigenes Geld.

Als die Mutter dann davon, dass ihre Tochter Schulden hat, Wind bekam, drohte sie ihr erneut. Das Mädchen solle besser alles erzählen; zudem kündigte sie ihr Kommen an. Da bekam es die Tochter endgültig mit der Angst und ich kann mir gut vorstellen, dass diese Angst vor der Mutter in Erfahrungen gut begründet ist. Auch andere Leute fürchten die Mutter – in der Gemeinde ist sie als eine Hexe bekannt.
Welche Rolle der Glaube an schwarze Magie hier spielt, haben die letzten Einträge in meinem Blog ja schon thematisiert. Ich weiß nicht, ob auch die Tochter ihre Mutter für eine Hexe hält, doch auch allein das Wissen um die Meinung Anderer setzt unter diesen Umständen ein so junges Mädchen enorm unter Druck.

Abgerundet wird die gefühlte Isolation der 12-Jährigen durch ihre Schwester. Die ist nämlich auch auf der Schule, in einer höheren Klasse. Allerdings ist sie unter Schülern eher für anzügliche Tänze und unter Lehrern für Dreistigkeit und geringe Disziplin bekannt. Darunter leidet dann wiederum das betroffene Mädchen, dass so eine wichtige Stütze im Leben verliert.

Vor Kurzem erst hatte sie mich mit einer Freundin um zusätzliche IT-Stunden gebeten. Morgen treffen wir uns das erste Mal, um das anzugehen. Wir hatten vereinbart, dass ich die beiden eine Doppelstunde pro Woche (=80 Minuten) zusätzlich unterrichte. Sie werden dadurch nicht nur weit mehr als ihre Klassenkameraden, sondern ich sie auch besser kennen lernen. Vielleicht kann ich ja doch noch zu einer Art Vertrauensperson für sie werden, ich würde es mir wünschen.

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