Im Knast

Hexerei, Exorzismen, Todesfälle, Selbstmordversuche, Liebe und Intrigen – und als ob diese Liste nicht schon genug nach schlechter Soap klingt, wird sie ständig erweitert. Jetzt hatten drei Schülerinnen die zweifelsfrei verzichtbare Erfahrung, für drei Nächte im tansanischen Knast gewesen zu sein.

Wie ich in den Artikeln über den Respekt und die Frauen berichtet habe, kämpfen junge Frauen und Mädchen in Tansania ständig mit Belästigungen. Deshalb gibt es sehr strenge Gesetze: Wer mit einer minderjährigen Schülerin Geschlechtsverkehr hatte, muss damit rechnen, für bis zu 30 Jahre ins Gefängnis zu wandern. Das hält freilich viele nicht davon ab, es dennoch zutun. Erst vor wenigen Monaten wurde eine unserer Schülerinnen mit einem Brothändler aus einem Nachbardorf erwischt – sie flog von der Schule, er sitzt seit dem.
Mitte August kam eine Gruppe von so genannten „Student Teachers“ zur Karaseco, Lehramtsstudenten, die praktische Erfahrung sammeln sollen, vergleichbar mit Referendaren in Deutschland also. Sie unterrichteten ihre Fächer, wohnten auf dem Schulgelände und einige von ihnen verstanden die ihnen aufgetragene Verantwortung, sich um die Schüler zu kümmern, wohl falsch. Mindestens drei der männlichen Student Teachers belästigten verschiedene Mädchen und hatten bei einigen auch Erfolg. Ihr Haus lag in der Nähe der Schülerinnenbaracken, einem regen Austausch samt Besuchen schien nichts im Wege zu stehen.

Es ist schwer zu sagen, welchen Entwicklungen unter der Oberfläche letztlich dazu führten, dass sie verpetzt wurden. Mein Stand der Erkenntnis ist der, dass eine (recht unbeliebte) Schülerin bei den „echten“ Lehrern Bericht erstattete. Was genau sie dazu bewog, weiß ich nicht. Unstimmig ist nämlich, dass wohl auch sie selbst hin und wieder in dem Haus zu Gast war, angeblich um zu kochen (was ja den Schülern verboten ist und daher durchaus denkbar).
Wie auch immer: Die drei Student Teachers wurden mit drei Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren erwischt. Zwei sollen in den Schlafzimmern gewesen sein, eine im Wohnzimmer ferngesehen haben. Alle gemeinsam wurden zur Polizei gebracht, wo sie de erwähnten drei Nächte in eine Art Untersuchungshaft kamen. Konkret bedeutet das, dass drei minderjährige Schülerinnen, die sicherlich einen Fehler gemacht, aber kein Verbrechen begangen haben, in einer Massenzelle, deren genaue Belegung mir unbekannt ist, eingesperrt wurden. Es gab weder Betten noch Toiletten, geschlafen wurde auf kaltem Steinboden, Geschäfte in einen Eimer verrichtet. Zusätzlich wurden die Mädchen zu einem Arzt gebracht, um untersuchen zu lassen, ob es zum sexuellen Kontakt gekommen ist (Ägypten lässt grüßen). Mittlerweile sind sie wieder frei; die Ergebnisse der Untersuchung, wie auch immer eine solche stattfinden soll, schließlich handelt es sich nicht um einen Vergewaltigungsfall, sprechen gegen Intimitäten. Die Gliedmaßen der Mädchen weisen Verfärbungen und Flecken, die von der Kälte stammen auf. Mindestens eine ist an einer Grippe erkrankt.

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich wenig in meinem Jahr emotional so belastet hat wie diese in meinen Augen unglaubliche Behandlung von jungen Mädchen, die nichts getan haben, was auch nur eine Inhaftierung selbst nach menschenrechtlich unbedenklichen Standards im Ansatz rechtfertigen könnte. Hinzu kommt, dass die jüngste von ihnen jenes Mädchen ist, dass erst kürzlich einen Exorzismus am eigenen Leib erleben musste. Alle drei Schülerinnen kenne ich und eine genießt meine ehrliche Sympathie.
Jetzt tagt die Schulleitung, um zu beschließen, wie mit dem Fall weiter verfahren werden soll. Vermutlich werden die Mädchen der Schule verwiesen.

Wie vielleicht aus meinem Bericht erkenntlich wird, sind meine Informationen derzeit noch begrenzt. Mit einigen Leuten habe ich schon über den Vorfall geredet und dadurch Details verschiedener Seiten (Lehrer wie Schüler) erhalten. Trotzdem möchte ich in den nächsten Tagen noch weitere Gespräche führen und nicht zuletzt in Erfahrung bringen, wie mit den Student Teachers verfahren wird. Sollte dabei noch etwas Neues ans Licht kommen, werde ich wie beim Exorzismus einen Nachtrag liefern.

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1 Antwort auf „Im Knast“


  1. 1 Das vermisste Mädchen « Freiwilligenjahr in Karaseco, Tansania Pingback am 08. Oktober 2011 um 18:47 Uhr
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