Das vermisste Mädchen

Am Mittwoch vor einer Woche kam ich von einer dreitägigen Studienfahrt der Form Six zurück. Am nächsten Tag erzählte mir eine Schülerin aus Form Four, dass seit Dienstag eine Klassenkameradin nicht mehr gesehen wurde. Sie sei nachts heimlich durch ein Loch im Schulzaun verschwunden und seit dem nicht wieder aufgetaucht – auch nicht zu Hause. Am Vortag hatte ich erst die Nachricht vom Knastaufenthalt anderer Schülerinnen erhalten. So waren also vier Mädchen nicht mehr in der Karaseco.

Was mich von Beginn an an der Sache stutzig machte war, dass nur eine Woche später die Schüler der Form Four ihre finalen Prüfungen haben sollten. Sie war also quasi direkt vor der Ziellinie, auf die sie vier Jahre hingearbeitet hat, abgehauen. Warum sollte sie das tun? Warum sollte sie zudem niemanden davon erzählen? Ich hatte einige Male mit ihr gesprochen und sie gemocht, so entschloss ich mich, der Sache nachzugehen.

Zunächst habe ich mit ihrer kleinen Schwester aus der Form One gesprochen. Auch sie war schon Thema in diesem Blog, als sie versuchte, sich umzubringen.
Bevor das Mädchen verschwand, hatte es wohl das Geld genau dieser Schwester mitgenommen. Keine große Summe, etwa fünf Euro, durch die die Kleine aber nicht nach Hause konnte, obwohl sie aber in wenigen Tagen eine Beurlaubung hatte, um eine Art Vorfeier für eine Hochzeit einer anderen Schwester beizuwohnen. Ansonsten konnte sie mir nur sagen, dass sie zu Hause nicht aufgetaucht war.
Ich verbrachte das Wochenende außerhalb der Schule und legte deshalb in meinen Nachforschungen eine Pause ein.

Am Dienstag habe ich dann wieder recherchiert, immerhin war sie dann schon eine Woche lang nicht mehr gesehen. Zunächst fragte ich die Mitschülerin, die mir zuerst vom Verschwinden erzählt hatte, nach Neuigkeiten. Sie erzählte mir dass das Mädchen einer anderen Mitschülerin wohl umgerechnet etwa 120 Euro gestohlen hatte, bevor sie abhaute. Außerdem war sie in der Nacht zuvor wohl mit einer der Schülerinnen, die später im Knast sein sollten, unterwegs. Ihr habe die Vermisste erzählt, sie wolle nach Bukoba, einer Stadt etwa drei Stunden Busfahrt entfernt am Viktoriasee.

Anschließend habe ich noch mal mit der kleinen Schwester, die inzwischen von den Feierlichkeiten, die zu erreichen ich ihr etwas Geld geliehen habe, zurückgekehrt war, gesprochen. Noch immer war das Mädchen nicht zu Hause aufgetaucht, auch Tante und Onkel in Bukoba hatten sie nicht gesehen. Ich begann, mir ernsthaft Sorgen zu machen. Die Umgebung ist für ein junges, attraktives Mädchen, das alleine unterwegs ist, nicht ungefährlich. Es schien durchaus möglich, dass ihr etwas ernsthaftes zugestoßen war. Eine Vergewaltigung war nicht auszuschließen.

Heute habe ich mit der Mitschülerin, der das Geld geklaut wurde geredet. Sie sah das Mädchen als eine gute Freundin und erzählte mir mit traurigem Gesicht, dass auch sie keine Idee habe, wo sie sein könnte. Niemals habe sie etwas erwähnt, keine Andeutungen gemacht, auch von einem Freund außerhalb der Schule wisse sie nichts. Ich erwähnte die Schülerin, die zuletzt mit der Verschwundenen unterwegs und mittlerweile (nach der Sache mit dem Gefängnis) von der Schule geschmissen war sowie ihre Spur nach Bukoba. Meine Gesprächspartnerin hatte mit jenem Mädchen gesprochen und bestätigte diese Aussagen, unterstrich jedoch, dass jenes Mädchen auch nicht mehr wisse. Ich fragte, ob sie vielleicht eine Handynummer jenes Mädchen hätte, da ich wusste, dass sie seit ihrem Rauswurf in ihrem Heimatort Bukoba war. Da auch die Spur der Vermissten dorthin führte, wollte ich mich in der Hoffnung, sie beiden, die schließlich befreundet waren, hätten sich inzwischen getroffen, mit ihr in Verbindung setzen. Meine Gesprächspartnerin schickte mich zu einer weiteren Schülerin, die wohl die Handynummer hätte.

So sprach ich denn heute auch mit ihr. Schülern sind, zur Erinnerung, Telefone verboten, weshalb sie nur zögerlich über die Nummer sprach. Sie habe bereits versucht anzurufen, jedoch sei die Nummer nicht erreichbar gewesen. Dennoch bat ich sie, sie mir zu geben, dass auch ich es versuchen konnte. Über die Vermisste selbst wusste sie noch zu erzählen, dass sie wohl einen Freund in der Schule hatte. Der würde aber auch nichts wissen, er habe es kaum ernst gemeint – wie ohnehin die meisten Jungen in der Schule. Ansonsten teilte sie meine Sorge, was eine Schülerin dazu bringen könne, so kurz vor den Examen zu verschwinden. Ihre Noten schienen jedenfalls nicht schlecht zu sein. Meine Gesprächspartnerin vermutete „etwas, mit dem Gott nicht einverstanden“ sei hinter der Sache, auf Nachfrage präzisierte sie: Hexerei. Es helfe nur, für sie zu beten.

Leider muss ich sagen, dass meine Erzählung hier zunächst endet. Das ist der aktuelle Stand, ich kann auch kein Happy End für die Zukunft versprechen. Deswegen ist der Text auch etwas unübersichtlich. Mit etwas mehr emotionaler Distanz hätte ich vielleicht fiktive Namen erfunden und alles in eine ausführlichere Geschichte gepackt. Aber die Realität sieht so aus, dass sie irgendwo nicht weit von hier tot in einem Gebüsch liegen könnte. Oder sie ist mit irgendwem, von dem niemand weiß, durchgebrannt. Vieles ist denkbar, wenig davon eine angenehme Vorstellung.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

1 Antwort auf „Das vermisste Mädchen“


  1. 1 Das vermisste Mädchen ist zurück « Freiwilligenjahr in Karaseco, Tansania Pingback am 26. Oktober 2011 um 20:20 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.