Taktische Manöver

In der Karaseco herrscht nachts strikte Geschlechtertrennung, was ich durch die schon beschriebenen täglichen Belästigungen junger Frauen und Mädchen mittlerweile als durchaus gerechtfertigt empfinde. Von 19:20 bis 22:30 Uhr finden die so genannten Night Preparations statt, in denen die Schüler selbstständig lernen, Hausaufgaben machen und sich auf die nächsten Stunden vorbereiten. Bei Bedarf kann ein Lehrer aber auch eine Unterrichtsstunde ansetzen und die entsprechenden Schüler in die Klasse rufen. Unter Aufsicht ist dann die Geschlechtertrennung aufhebbar.

Vor einigen Tagen habe ich von einigen Mädchen aus Form III einen Brief erhalten, in dem sie um zusätzliche Unterrichtseinheiten bitten. Sie begründen ihr Anliegen damit, dass besonders sie selten Zugang zu den zwei funktionierenden Schülercomputern erhalten, die ständig von den Jungs belagert sind. Da es ohnehin in Form III seit wenigen Wochen einen Konflikt im Stundenplan gibt, wegen dessen ich eine meiner zwei Doppelstunden dort abgeben musste, sah ich darin eine gute Gelegenheit, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Die Schülerinnen schlugen vor, dass ich sie während der Night Preps unterrichte, was auch meiner Vorstellung entsprach.

Allerdings wollte ich bei aller Förderung der benachteiligten Mädchen natürlich nicht die Jungs außen vor lassen. So gab ich einer Schülerin eine Liste, in der sich alle, Mädchen wie Jungen, in zwei mögliche Gruppen, die ich an verschiedenen Tagen (bzw Nächten) unterrichten würde, eintragen konnten. Gruppe 1 war von Beginn an, sprich einen Computer starten, herunterfahren und grundlegende Bedienungen; Gruppe 2 über den Gebrauch eines Browsers, E-Mail und auch Facebook, das hier sehr gefragt ist. Wer wollte, konnte sich auch in beide eintragen.

Gestern dann habe ich die Liste zurückbekommen. In Gruppe 2 waren 20 Namen eingetragen, darunter nur zwei Jungen. Es bot sich natürlich an, einfach zwei Zehnergruppen daraus zu machen – die Schülerin wollte aber lieber reine Mädchen- und Jungengruppen. Das wäre in Deutschland schon merkwürdig, wenn die Schülerinnen sich Geschlechtertrennung von ihren Klassenkameraden wünschen. Hier hat sie jedoch gleich die Begründung nachgeschoben, nämlich dass viele Jungs sehr belästigend sind. Es ist traurig, dass die Mädchen nicht mal in der eigenen Klasse sicher sind, vermag mich aber auch nicht mehr zu überraschen.

Vier der Mädchen wollten zudem eine kleine Extragruppe, um besonders effizient und schnell zu lernen. Da ich durch den Abgang von Form IV und den bevorstehenden Examen von Form VI wieder etwas freier geworden bin, habe ich auch dem zugestimmt. Ich wollte dann mit jenen vier Mädchen in Ruhe anfangen, da ich tagsüber durch einen Benzin/Kerosin-Behälter, der in meinem Büro lagerte und die Luft wesentlich schwerer machte, Kopfschmerzen hatte und eine kleine Gruppe auch für mich weniger Aufwand ist. Es wäre nicht mein Blog wenn es dabei geblieben wäre und nicht noch mindestens etwas spannendes passierte.

Tagsüber war der Strom nach einem Gewitter ausgefallen, kehrte aber gegen 18:45 Uhr zurück, so dass dem Unterricht nichts im Wege stand. Die Schülerinnen kamen überpünktlich, wir gingen in die Bücherei und fingen an. Nach wenigen Minuten aber klopfte es an den Fenstern und sieben weitere Mädchen aus Form IV standen dort, die wohl die Liste falsch verstanden hatten und dachten, sie wären schon dran. Da sie aber schon mal da waren habe ich sie nach kurzem Gespräch zu den anderen gelassen und hatte damit natürlich eine größere Gruppe, was ich eigentlich vermeiden wollte.

Jede von ihnen startete mindestens einmal einen Computer und fuhr ihn anschließend wieder herunter. Sie machten schnelle Lernfortschritte, was nicht bei allen Schülern so ist, und wollten anschließend E-Mail Adressen einrichten. Jedoch etwa eine Stunde nach Beginn der Unterrichtseinheit fiel der Strom aus – komplette Dunkelheit, meine Taschenlampe lag dummerweise zuhause.

Um das folgende zu verstehen, habe ich eine (sehr) grobe Skizze der Karaseco angefertigt. Insbesondere der linke Teil ist nicht wirklich gelungen, die für gestern wichtige Bereiche stimmen aber ungefähr:

Die blauen Rechtecke symbolisieren Lehrerhäuser, das hellblaue ist mein Haus. Das orangene ist der Basketballplatz, grau sind die Baracken der Jungen, grün die der Mädchen. Gelb ist die Mehrzweckhalle, in der die Mädchen ihre Night Preps verbringen. Braun sind die verschiedenen Klassenräume, in denen nachts die Jungs sind, schwarz ist mein Büro und die Bücherei, in der wir uns befanden. Weiß sind andere Gebäude, die für gestern nicht weiter wichtig sind. Die einzelnen Striche stehen für die Straßen und Wege, wobei die Hauptstraße etwas dicker gezeichnet ist. Sie ist auch gleichzeitig die Grenze, die nachts von Jungen und Mädchen nicht überschritten werden darf – jeder bleibt auf seiner Seite. Grün gepunktet sind dichte Gebüsche und Waldstücke.

Was jetzt wie ein Spiel kennt, hat durchaus eine ernste Komponente.
Da der Strom nicht innerhalb weniger Minuten zurückkehrte, waren die Night Preps beendet und die Schüler sollten in ihre Baracken gehen. Wie auf der Skizze zu sehen ist, liegt die Bücherei mitten zwischen den Klassenräumen, wo sich die Jungs aufhielten. Natürlich war es ihnen nicht entgangen, dass ich dort mit einer Gruppe Mädchen (15-17 Jahre alt) war. Die allumfassende Dunkelheit (und tansanischen Nächte können sehr dunkel sein) lockte mit Straffreiheit: Kaum möglich, jemanden zu identifizieren (zumal Schuluniform) oder zu fassen. Dementsprechend groß war das Gejohle, während wir noch im Gebäude waren drangen schon die Rufe der lauernden Schüler herein. Meine als ruhig geplante Unterrichtseinheit mit vier Schülerinnen schlug um in eine Evakuierungsmission von elf Schülerinnen mitten durch Feindgebiet. Die Jungen warteten nur darauf, dass wir herauskämen, ihre Klasse passierten und sie ungesehen die Mädchen begrapschen könnten.

Das sind denn die roten Übermalungen in der Skizze: Jene Gebiete, in denen ein besonders hohes Risiko für die Mädchen besonders unangenehmer Belästigungen und in bestimmten Bereichen auch (zumindest nicht auszuschließen) Schlimmeres vorlag.
Das schwarze Gebäude liegt inmitten roter Punkte.

Zum Glück war mein Kollege in meinem Büro, das ich mit ihm teile. Er hatte eine kleine Taschenlampe an seinem Handy, so dass wir uns organisieren konnten. Die Schülerinnen packten ihre Sachen, ich meinen Laptop, den ich aber einer Schülerin zum tragen gab, um, falls nötig, schnell reagieren zu können. Gemeinsam verließen wir das Gebäude und während ich die Tür abschloss wurde das Getöse lauter und lauter. Irgendwo aus der finstersten Dunkelheit drangen die brodelnden Geräusche zu Marionetten ihrer Hormone mutierter Jugendlicher. Die Mädchen warteten und waren still, sie fühlten sich deutlich unwohl. Wie der Karte zu entnehmen, führt der kürzeste Weg zu den Mädchenbaracken vorbei an Form VI, welche links meines Büros liegt. Das wussten freilich auch die Jungs, die genau dort lauerten.

Ich schlug daher vor, den längeren Weg vorbei an Form III, rechts unterhalb meines Büros, zu nehmen, da uns dort niemand erwartete. Anhand der Tatsache, dass von den Schülerinnen direkt Zustimmung kam, wurde mir noch mal klar, dass das ganze wirklich kein Spiel war. So ging ich voran, leuchtete mit meinem Handydisplay den Weg aus; gefolgt von den Mädchen und dem anderen Lehrer. Der Umweg machte sich bezahlt, wir umgingen die Meute und Form III war bereits leer. Einige Schüler waren noch bei Form V, welche sich direkt darunter befindet. Auch hier hatte es eine Unterrichtsstunde gegeben und einige Mädchen waren verstreut zwischen Jungen. Sie schlossen sich unserer Gruppe an, während ich Jungs, die im Weg standen, zur Seite stupste. So erreichte unsere mittlerweile gewachsene Gruppe schließlich die Mehrzweckhalle, von wo aus die Mädchen allein bis zu ihren Baracken gingen. Ich begab mich nach Hause, holte meine Taschenlampe und ging noch etwas die ‚Grenzstraße‘ entlang, um sicherzugehen. Nach etwa 15 Minuten dann kehrte der Strom endgültig zurück und mein Arbeitstag endete friedlich.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email