Meuterei und Diplomatie

Ab heute bin ich für das letzte Mal eine Woche lang Teacher on Duty. Zur Erinnerung: ToD bedeutet für sieben Tage und Nächte verantwortlich sein für Abläufe, Disziplin, Ordnung, Sauberkeit und alles andere. In der Regel gibt es pro Woche zwei, da mein Kollege aber für einen längeren Zeitraum in Arusha ist, bin ich alleine.
Extrem wichtig für die Abläufe in der Schule ist die Arbeit der Prefects, das sind Schüler, die als Anführer für bestimmte Bereiche gewählt oder von den Lehrern bestimmt werden. Um sie von anderen abzugrenzen, tragen sie eine rote statt einer grünen Krawatte. Jede Baracke hat zwei Prefects, darüber hinaus gibt es für jede erdenkliche Aufgabe einen oder zwei weitere, so etwa für Sport, Information (Medienzugang), Sauberkeit, akademische Angelegenheiten oder Essen. In Wahrheit sind sie es, die durch Überwachung und Handlanger des ToD die Schule am Laufen halten. Bildlich gesprochen ist der Lehrer eine Art General, während die Prefects die Offiziere sind.

Am Vorabend meines Duties denn standen die Zeichen auf Meuterei. Eine große Zahl der Prefects wollte die Arbeit in der nächsten Woche verweigern, einige sogar zurücktreten.
Der Grund dafür ist eine weitere Episode in der langen Reihe von Geschichten, die man aus einer deutschen Schule wohl nie erzählen könnte.

Es ist Sonntagabend, halb neun. Ich sitze in meinem Büro, nutze das Internet, ruhe mich aus, wissend, dass ich ab morgen nicht mehr dazu kommen werde. Als ich das Gebäude verlasse um Richtung Toilette zu gehen, komme ich an den Klassenräumen der Form One vorbei, in denen dieser Tage die Mädchen während der Night Preps sind. Doch anstatt zu lernen, sitzen sie allesamt in einer großen Gruppe dicht bei dicht auf einer Rasenfläche vor dem Klassenraum. Sie sind umzingelt von den Prefects, männliche wie weibliche, einige haben Stöcke in der Hand. Es muss etwas Besonderes passiert sein, dass die strikte Geschlechtertrennung während der Nacht aufgehoben wird und zudem die Rotkrawatten in aggressiver Haltung schlagbereit um eine Gruppe von über 100 Schülerinnen stehen. Erst viel später erfahre ich, dass zu diesem Zeitpunkt die anwesenden Mädchen (Form 1 – 3, 13 – 17 Jahre alt) auf Geheiß des ToDs schon der Reihe nach mit Stöcken durch die Prefects geschlagen wurden. Die Stimmung ist denkbar schlecht, ich setze zunächst meinen Weg fort um einen Lehrer zu finden, denn ich über den Grund befragen kann.

Im Lehrerzimmer treffe ich auch einen, der selbst nicht weiß, was da passiert ist. So gehen wir gemeinsam zurück zu den Klassenräumen und werden aufgeklärt. Unterhalb von Form 1B befindet sich in einer Art Keller das Büro des Disziplinmasters, einem Lehrer, der zur Zeit nicht in der Schule ist. Die Ecke ist recht dunkel und im Scheine einer Taschenlampe wird uns der Grund des Unheils gezeigt: Kot.
Irgendein Mädchen hat ihre Notdurft vor diesem Büro verrichtet. Die Toiletten der Mädchen sind etwa 500 Meter weiter weg, was genau der Beweggrund (war es überhaupt gewollt?) der Täterin war, bleibt ungewiss.

Fakt ist: Unmöglich, herauszufinden, wer diejenige war. Niemand würde es jemals zugeben, dass es aktive Zeugen gab ist unwahrscheinlich und wenn verrieten sie nichts. Auf Geheiß der Matron, der Lehrerin, die für die Disziplin der Mädchen zuständig ist, sollen alle bestraft werden. So kommt es, dass wegen dem Vergehen einer hunderte geschlagen und erniedrigt werden. Alle Mädchen sollen eine Reihe vom Unglücksort bis zur Mädchentoilette bilden, Papier aus einer Mülltonne nehmen und dann den Kot weitergeben. Man kennt das Bild vielleicht von einer Dorfgemeinschaft, die eine Reihe vom Brunnen zum Brand bildet, um effektiv zu löschen. Hier wird diese Praxis pervertiert. Eine absolute Demütigung, den Kot einer unbekannten Drittperson in der Form durchreichen zu müssen. Zudem eine Pauschalstrafe, die ich für nicht vertretbar halte.

Die Maßnahme nimmt ihren Anfang, ich stehe in der Mitte der Reihe, etwas entfert von den anderen zwei anwesenden Lehrern, und schaue der Prozedur mit Unbehagen zu. Einige Mädchen heulen, andere halten sich die Augen und Nase zu, während sie die Exkremente weiterreichen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nichts über die vorangegangende Prügelstrafe. Jedenfalls nimmt das Schicksal seinen Lauf. Aus verständlichen Gründen beeilen sich die Schülerinnen die Sache hinter sich zu bringen. Eine wird dabei zu hastig, lässt los, bevor die nächste die Ladung übernehmen konnte. Der Kot fällt auf den Boden. Sofort springt ein besonders eifriger Prefect zu ihr, schreit sie an, ist sichtbar zornig, befiehlt ihr, die Exkremente wieder aufzuheben. Das Mädchen bückt sich, um zutun, wie ihr geheißen. Er hat nicht genug, schlägt sie mit der Faust auf den Rücken und verlangt laut den Stock eines anderen Prefects, um sie damit zu prügeln.

An der Stelle habe ich genug, ich gehe in einer hastigen Bewegung dazwischen, packe den Prefects und ziehe ihn barsch raus, drücke ihn gewaltsam gegen einen Baum, packe ihn am Kragen und warne ihn, soetwas nicht zu wiederholen. Ich verletze ihn dabei weder noch tue ich ihm weh, es liegt mir fern ihn zu schlagen oder ähnliches. Dennoch nutze ich an dieser Stelle Gewalt, obwohl ich es auch anders regeln könnte. Als Lehrer hätte ich ihn genausogut bei Seite nehmen und im Einzelgespräch zurechtweisen können. Das war sicherlich ein Fehler, für den ich auf Grund der Situation um Nachsicht bitte. Der Prefect weiß, dass er sich nicht wehren kann, wird er gewalttätig gegen einen Lehrer fliegt er ohne Zweifel und Diskussionen. Doch er ist sauer, er sollte mit mir nächste Woche on Duty sein, meine rechte Hand, was ich jetzt noch nicht weiß.

Auch die anderen Prefects sind sauer über den Vorfall, sie versammeln sich und diskutieren wild. Die Exkremente haben inzwischen die Toilette erreicht, die Schülerinnenreihe hat sich aufgelöst. Als auch ich mich auf den Weg mache, läuft das Headgirl, oberstes Mädchenprefect, zu mir. Die Gruppe wolle mit mir reden. Ich komme zurück und warte mit etwas Abstand, bis die Diskussionen zu Ende kommen und sie das Gespräch mit mir suchen. Das dauert und inzwischen wird klar, dass sie eine Arbeitsverweigerung für die nächste Woche planen. Sie reden über Rücktritte und Belästigungen durch Lehrer wie jener durch mich. Die Emotionen kochen hoch, schließlich kommt der Headprefect (oberster Prefect, verantwortlich und koordiniert die übrigen) zu mir und fragt, was genau vorgefallen sei. Dabei redet er ruhig, er scheint zu den wenigen zu gehören, die sich selbst im Griff haben.

Ich erkläre ihm die Sachlage und dass wir eine Aussprache halten sollten. Er stimmt zu, bittet mich, etwas entfernt zu warten, damit sie zunächst untereinander alles regeln können. Ich warte also vor dem Lehrerzimmer. Auf dem Weg dorthin sehe ich die Schülerinnen wieder in einer Reihe stehen, diesmal holen sie sich nacheinander Prügel auf die Finger ab, welche die beiden anderen Lehrer mit Stöcken austeilen, während eine Rotkrawatte die Klassenlisten durchgeht, damit auch niemand ausgelassen wird. Heulen und Schmerzensschreie erfüllen gemeinsam mit Jammern und Wehklagen die Nacht. Ich setze mich in die Nähe des hinteren Endes der Reihe und warte auf die Prefects. Einige Mädchen fragen mich, ob ich sie nicht schlagen könne damit es nicht so weh tut.

Nach etwa zehn Minuten kommt erneut das Headgirl zu mir und bittet mich zu den Anderen. Die Stimmung ist nach wie vor aufgeheizt, die Zeichen stehen auf Sturm. Jener, den ich rausgezogen und gegen den Baum gedrückt hatte, reagiert sich in einer Wutrede ab. Wieder ist die Rede von Rücktritt, er werde am nächsten Morgen seine Krawatte abgeben. Andere stimmen ein und ihm zu. Es ist nicht möglich, in dieser Atmosphäre eine Aussprache zu halten. Ich versuche es dennoch, sage offen und ehrlich, dass ich ihn nicht auf diese Weise hätte packen sollen. Ich bitte um Entschudigung dafür, doch an diesem Abend hat es keinen Sinn, derartige Gespräche zu führen. Alle möglichen Dinge werden gegen mich vorgebracht, irgendwelche Gerüchte und Halbwahrheiten werden gegen mich ausgelegt. Letztlich einigen sich die Prefects, am folgenden Tag mit dem Headmaster über die Probleme reden zu wollen. Die Versammlung löst sich auf.

Ich verbleibe mit dem Headprefect und rede mit ihm, ich erfahre, dass der Grund für diese scheinbar überzogene Wut ist, dass es nicht der erste Fall war, in dem stren mit einem Prefect verfahren wurde. Zwei Wochen zuvor etwa wurden einige mit einem Stock geschlagen, weil sie fünf Minuten zu spät waren. Das Ereignis von heute sei der (etwas dickere) Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringe. Er selbst halte nichts von der Idee, zum Headmaster zu gehen und auch von der Prügelstrafe halte er nichts. Aber in dieser Situation könne er sich nicht gegen seine Untergebenen stellen. Die Angst der Rotkrawatten ist, dass durch das Geschehene Schüler sie nicht mehr respektieren und ihren Anweisungen folgen. Ich für meinen Teil beschließe, es mit Diplomatie zu versuchen, um die Meuterei in letzter Minute abzuwenden.

Heute Morgen gehe ich noch vor Beginn des Appells zu dem Prefect vom gestrigen Vorfall und rede mit ihm. Wissend, dass er sich über Nacht beruhigt hat bin ich zuversichtlich. Ich halte meine Aussprache mit ihm, bitte ihn erneut um Entschuldigung und versichere ihm Rückendeckung für den Fall von Problemen mit Schülern, die ihn nicht ernst nehmen. Gleichzeitig erkläre ich ihm, dass wenn die Schüler sehen, dass ich als der Lehrer, der dafür verantwortlich war, mit ihm zusammenarbeite, jeder versteht, dass sie ihn respektieren müssen, da er meine Rückendeckung hat. Mir gelingt es, ihn zu überzeugen, er verzeiht mir und verspricht, mit den anderen zu reden. Er verweist jedoch darauf, dass auch die übrigen Rotkrawatten sehr ungehalten sind und wir deshalb ein Treffen halten sollten. Dem stimme ich wiederum zu und so kommt es, dass ich mich nach dem Morgenappell erneut mit der Gruppe treffe und wir erneut versuchen, eine Aussprache zu halten. Diesmal jedoch mit gefassterer Stimmung.

Wir reden etwa zwanzig Minuten lang, ich wiederhole, was ich ihm gesagt habe, erkläre, dass ich um die Arbeit der Prefects weiß und dass ich ihnen dafür dankbar bin, da ohne sie nichts laufen würde. Ich bitte ebenfalls alle um Entschuldigung, was vorgefallen ist. Wir reden noch über andere Details, die hier den Rahmen sprengen würden. Jedenfalls gelingt es, durch das Gespräch und Diplomatie die Meuterei abzuwenden und ich glaube fast, dass meine Position durch diese Geste letzten Endes gestärkt ist. Kaum ein Lehrer hätte das Gespräch mit den Rotkrawatten gesucht.

So kann ich nun doch meinen letzten Duty in Frieden antreten – auch wenn gestern sehr viel Unschönes passiert ist.

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