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Das vermisste Mädchen ist zurück

Vor wenigen Minuten bin ich zur Mehrzweckhalle, in denen die Schülerinnen ihre Night Preps verbringen, um einigen Schwänzern ins Gewissen zu reden. Draußen lief an mir die kleine Schwester des vermissten Mädchens vorbei und rief mich, etwas abseits, zu sich. Dann erzählte sie mir, dass seit vorgestern ihre Schwester wieder zu Hause sei. Sie sei in Morogoro, in der Nähe Dar-Es-Salaams und damit auf der ganz anderen Seite Tansanias gewesen. Allerdings sei es kein freiwilliger Ausflug gewesen, sondern Hexer hätten sie dorthin verschleppt. Jetzt sei sie wieder bei ihren Eltern und weine noch immer über das, was ihr wiederfahren sei.
Die kleine Schwester selbst fühle sich teils froh, teils traurig. Froh, dass sie wieder da sei, traurig über das, was ihr wiederfahren sei.

Sie könne mir noch mehr erzählen, aber nicht heute, da sie Kopfschmerzen habe. So hat sie mir zugesichert, morgen zu mir zu kommen um mir weitere Informationen zu geben.
Tansania bleibt halt doch irgendwo eine andere Welt.

Taktische Manöver

In der Karaseco herrscht nachts strikte Geschlechtertrennung, was ich durch die schon beschriebenen täglichen Belästigungen junger Frauen und Mädchen mittlerweile als durchaus gerechtfertigt empfinde. Von 19:20 bis 22:30 Uhr finden die so genannten Night Preparations statt, in denen die Schüler selbstständig lernen, Hausaufgaben machen und sich auf die nächsten Stunden vorbereiten. Bei Bedarf kann ein Lehrer aber auch eine Unterrichtsstunde ansetzen und die entsprechenden Schüler in die Klasse rufen. Unter Aufsicht ist dann die Geschlechtertrennung aufhebbar.

Vor einigen Tagen habe ich von einigen Mädchen aus Form III einen Brief erhalten, in dem sie um zusätzliche Unterrichtseinheiten bitten. Sie begründen ihr Anliegen damit, dass besonders sie selten Zugang zu den zwei funktionierenden Schülercomputern erhalten, die ständig von den Jungs belagert sind. Da es ohnehin in Form III seit wenigen Wochen einen Konflikt im Stundenplan gibt, wegen dessen ich eine meiner zwei Doppelstunden dort abgeben musste, sah ich darin eine gute Gelegenheit, die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Die Schülerinnen schlugen vor, dass ich sie während der Night Preps unterrichte, was auch meiner Vorstellung entsprach.

Allerdings wollte ich bei aller Förderung der benachteiligten Mädchen natürlich nicht die Jungs außen vor lassen. So gab ich einer Schülerin eine Liste, in der sich alle, Mädchen wie Jungen, in zwei mögliche Gruppen, die ich an verschiedenen Tagen (bzw Nächten) unterrichten würde, eintragen konnten. Gruppe 1 war von Beginn an, sprich einen Computer starten, herunterfahren und grundlegende Bedienungen; Gruppe 2 über den Gebrauch eines Browsers, E-Mail und auch Facebook, das hier sehr gefragt ist. Wer wollte, konnte sich auch in beide eintragen.

Gestern dann habe ich die Liste zurückbekommen. In Gruppe 2 waren 20 Namen eingetragen, darunter nur zwei Jungen. Es bot sich natürlich an, einfach zwei Zehnergruppen daraus zu machen – die Schülerin wollte aber lieber reine Mädchen- und Jungengruppen. Das wäre in Deutschland schon merkwürdig, wenn die Schülerinnen sich Geschlechtertrennung von ihren Klassenkameraden wünschen. Hier hat sie jedoch gleich die Begründung nachgeschoben, nämlich dass viele Jungs sehr belästigend sind. Es ist traurig, dass die Mädchen nicht mal in der eigenen Klasse sicher sind, vermag mich aber auch nicht mehr zu überraschen.

Vier der Mädchen wollten zudem eine kleine Extragruppe, um besonders effizient und schnell zu lernen. Da ich durch den Abgang von Form IV und den bevorstehenden Examen von Form VI wieder etwas freier geworden bin, habe ich auch dem zugestimmt. Ich wollte dann mit jenen vier Mädchen in Ruhe anfangen, da ich tagsüber durch einen Benzin/Kerosin-Behälter, der in meinem Büro lagerte und die Luft wesentlich schwerer machte, Kopfschmerzen hatte und eine kleine Gruppe auch für mich weniger Aufwand ist. Es wäre nicht mein Blog wenn es dabei geblieben wäre und nicht noch mindestens etwas spannendes passierte.

Tagsüber war der Strom nach einem Gewitter ausgefallen, kehrte aber gegen 18:45 Uhr zurück, so dass dem Unterricht nichts im Wege stand. Die Schülerinnen kamen überpünktlich, wir gingen in die Bücherei und fingen an. Nach wenigen Minuten aber klopfte es an den Fenstern und sieben weitere Mädchen aus Form IV standen dort, die wohl die Liste falsch verstanden hatten und dachten, sie wären schon dran. Da sie aber schon mal da waren habe ich sie nach kurzem Gespräch zu den anderen gelassen und hatte damit natürlich eine größere Gruppe, was ich eigentlich vermeiden wollte.

Jede von ihnen startete mindestens einmal einen Computer und fuhr ihn anschließend wieder herunter. Sie machten schnelle Lernfortschritte, was nicht bei allen Schülern so ist, und wollten anschließend E-Mail Adressen einrichten. Jedoch etwa eine Stunde nach Beginn der Unterrichtseinheit fiel der Strom aus – komplette Dunkelheit, meine Taschenlampe lag dummerweise zuhause.

Um das folgende zu verstehen, habe ich eine (sehr) grobe Skizze der Karaseco angefertigt. Insbesondere der linke Teil ist nicht wirklich gelungen, die für gestern wichtige Bereiche stimmen aber ungefähr:

Die blauen Rechtecke symbolisieren Lehrerhäuser, das hellblaue ist mein Haus. Das orangene ist der Basketballplatz, grau sind die Baracken der Jungen, grün die der Mädchen. Gelb ist die Mehrzweckhalle, in der die Mädchen ihre Night Preps verbringen. Braun sind die verschiedenen Klassenräume, in denen nachts die Jungs sind, schwarz ist mein Büro und die Bücherei, in der wir uns befanden. Weiß sind andere Gebäude, die für gestern nicht weiter wichtig sind. Die einzelnen Striche stehen für die Straßen und Wege, wobei die Hauptstraße etwas dicker gezeichnet ist. Sie ist auch gleichzeitig die Grenze, die nachts von Jungen und Mädchen nicht überschritten werden darf – jeder bleibt auf seiner Seite. Grün gepunktet sind dichte Gebüsche und Waldstücke.

Was jetzt wie ein Spiel kennt, hat durchaus eine ernste Komponente.
Da der Strom nicht innerhalb weniger Minuten zurückkehrte, waren die Night Preps beendet und die Schüler sollten in ihre Baracken gehen. Wie auf der Skizze zu sehen ist, liegt die Bücherei mitten zwischen den Klassenräumen, wo sich die Jungs aufhielten. Natürlich war es ihnen nicht entgangen, dass ich dort mit einer Gruppe Mädchen (15-17 Jahre alt) war. Die allumfassende Dunkelheit (und tansanischen Nächte können sehr dunkel sein) lockte mit Straffreiheit: Kaum möglich, jemanden zu identifizieren (zumal Schuluniform) oder zu fassen. Dementsprechend groß war das Gejohle, während wir noch im Gebäude waren drangen schon die Rufe der lauernden Schüler herein. Meine als ruhig geplante Unterrichtseinheit mit vier Schülerinnen schlug um in eine Evakuierungsmission von elf Schülerinnen mitten durch Feindgebiet. Die Jungen warteten nur darauf, dass wir herauskämen, ihre Klasse passierten und sie ungesehen die Mädchen begrapschen könnten.

Das sind denn die roten Übermalungen in der Skizze: Jene Gebiete, in denen ein besonders hohes Risiko für die Mädchen besonders unangenehmer Belästigungen und in bestimmten Bereichen auch (zumindest nicht auszuschließen) Schlimmeres vorlag.
Das schwarze Gebäude liegt inmitten roter Punkte.

Zum Glück war mein Kollege in meinem Büro, das ich mit ihm teile. Er hatte eine kleine Taschenlampe an seinem Handy, so dass wir uns organisieren konnten. Die Schülerinnen packten ihre Sachen, ich meinen Laptop, den ich aber einer Schülerin zum tragen gab, um, falls nötig, schnell reagieren zu können. Gemeinsam verließen wir das Gebäude und während ich die Tür abschloss wurde das Getöse lauter und lauter. Irgendwo aus der finstersten Dunkelheit drangen die brodelnden Geräusche zu Marionetten ihrer Hormone mutierter Jugendlicher. Die Mädchen warteten und waren still, sie fühlten sich deutlich unwohl. Wie der Karte zu entnehmen, führt der kürzeste Weg zu den Mädchenbaracken vorbei an Form VI, welche links meines Büros liegt. Das wussten freilich auch die Jungs, die genau dort lauerten.

Ich schlug daher vor, den längeren Weg vorbei an Form III, rechts unterhalb meines Büros, zu nehmen, da uns dort niemand erwartete. Anhand der Tatsache, dass von den Schülerinnen direkt Zustimmung kam, wurde mir noch mal klar, dass das ganze wirklich kein Spiel war. So ging ich voran, leuchtete mit meinem Handydisplay den Weg aus; gefolgt von den Mädchen und dem anderen Lehrer. Der Umweg machte sich bezahlt, wir umgingen die Meute und Form III war bereits leer. Einige Schüler waren noch bei Form V, welche sich direkt darunter befindet. Auch hier hatte es eine Unterrichtsstunde gegeben und einige Mädchen waren verstreut zwischen Jungen. Sie schlossen sich unserer Gruppe an, während ich Jungs, die im Weg standen, zur Seite stupste. So erreichte unsere mittlerweile gewachsene Gruppe schließlich die Mehrzweckhalle, von wo aus die Mädchen allein bis zu ihren Baracken gingen. Ich begab mich nach Hause, holte meine Taschenlampe und ging noch etwas die ‚Grenzstraße‘ entlang, um sicherzugehen. Nach etwa 15 Minuten dann kehrte der Strom endgültig zurück und mein Arbeitstag endete friedlich.

Im Knast

Hexerei, Exorzismen, Todesfälle, Selbstmordversuche, Liebe und Intrigen – und als ob diese Liste nicht schon genug nach schlechter Soap klingt, wird sie ständig erweitert. Jetzt hatten drei Schülerinnen die zweifelsfrei verzichtbare Erfahrung, für drei Nächte im tansanischen Knast gewesen zu sein.

Wie ich in den Artikeln über den Respekt und die Frauen berichtet habe, kämpfen junge Frauen und Mädchen in Tansania ständig mit Belästigungen. Deshalb gibt es sehr strenge Gesetze: Wer mit einer minderjährigen Schülerin Geschlechtsverkehr hatte, muss damit rechnen, für bis zu 30 Jahre ins Gefängnis zu wandern. Das hält freilich viele nicht davon ab, es dennoch zutun. Erst vor wenigen Monaten wurde eine unserer Schülerinnen mit einem Brothändler aus einem Nachbardorf erwischt – sie flog von der Schule, er sitzt seit dem.
Mitte August kam eine Gruppe von so genannten „Student Teachers“ zur Karaseco, Lehramtsstudenten, die praktische Erfahrung sammeln sollen, vergleichbar mit Referendaren in Deutschland also. Sie unterrichteten ihre Fächer, wohnten auf dem Schulgelände und einige von ihnen verstanden die ihnen aufgetragene Verantwortung, sich um die Schüler zu kümmern, wohl falsch. Mindestens drei der männlichen Student Teachers belästigten verschiedene Mädchen und hatten bei einigen auch Erfolg. Ihr Haus lag in der Nähe der Schülerinnenbaracken, einem regen Austausch samt Besuchen schien nichts im Wege zu stehen.

Es ist schwer zu sagen, welchen Entwicklungen unter der Oberfläche letztlich dazu führten, dass sie verpetzt wurden. Mein Stand der Erkenntnis ist der, dass eine (recht unbeliebte) Schülerin bei den „echten“ Lehrern Bericht erstattete. Was genau sie dazu bewog, weiß ich nicht. Unstimmig ist nämlich, dass wohl auch sie selbst hin und wieder in dem Haus zu Gast war, angeblich um zu kochen (was ja den Schülern verboten ist und daher durchaus denkbar).
Wie auch immer: Die drei Student Teachers wurden mit drei Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren erwischt. Zwei sollen in den Schlafzimmern gewesen sein, eine im Wohnzimmer ferngesehen haben. Alle gemeinsam wurden zur Polizei gebracht, wo sie de erwähnten drei Nächte in eine Art Untersuchungshaft kamen. Konkret bedeutet das, dass drei minderjährige Schülerinnen, die sicherlich einen Fehler gemacht, aber kein Verbrechen begangen haben, in einer Massenzelle, deren genaue Belegung mir unbekannt ist, eingesperrt wurden. Es gab weder Betten noch Toiletten, geschlafen wurde auf kaltem Steinboden, Geschäfte in einen Eimer verrichtet. Zusätzlich wurden die Mädchen zu einem Arzt gebracht, um untersuchen zu lassen, ob es zum sexuellen Kontakt gekommen ist (Ägypten lässt grüßen). Mittlerweile sind sie wieder frei; die Ergebnisse der Untersuchung, wie auch immer eine solche stattfinden soll, schließlich handelt es sich nicht um einen Vergewaltigungsfall, sprechen gegen Intimitäten. Die Gliedmaßen der Mädchen weisen Verfärbungen und Flecken, die von der Kälte stammen auf. Mindestens eine ist an einer Grippe erkrankt.

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich wenig in meinem Jahr emotional so belastet hat wie diese in meinen Augen unglaubliche Behandlung von jungen Mädchen, die nichts getan haben, was auch nur eine Inhaftierung selbst nach menschenrechtlich unbedenklichen Standards im Ansatz rechtfertigen könnte. Hinzu kommt, dass die jüngste von ihnen jenes Mädchen ist, dass erst kürzlich einen Exorzismus am eigenen Leib erleben musste. Alle drei Schülerinnen kenne ich und eine genießt meine ehrliche Sympathie.
Jetzt tagt die Schulleitung, um zu beschließen, wie mit dem Fall weiter verfahren werden soll. Vermutlich werden die Mädchen der Schule verwiesen.

Wie vielleicht aus meinem Bericht erkenntlich wird, sind meine Informationen derzeit noch begrenzt. Mit einigen Leuten habe ich schon über den Vorfall geredet und dadurch Details verschiedener Seiten (Lehrer wie Schüler) erhalten. Trotzdem möchte ich in den nächsten Tagen noch weitere Gespräche führen und nicht zuletzt in Erfahrung bringen, wie mit den Student Teachers verfahren wird. Sollte dabei noch etwas Neues ans Licht kommen, werde ich wie beim Exorzismus einen Nachtrag liefern.

Hintergründe zum Exorzismus

Der Bericht zum Exorzismus hat viele Fragen offen gelassen, weshalb ich zunächst einen Hintergrundbericht liefern möchte bevor ich mich um den versprochenen Reisebericht und den Bananenartikel kümmere.

Inzwischen habe ich mit einigen Leuten gesprochen, darunter eine Schülerin, die sich aktiv an der Teufelsaustreibung beteiligt hat, drei weitere Schüler, die nicht selbst dabei waren und eine ehemalige Schülerin, die im Februar an der Karaseco ihr A-Level (Abitur) abgeschlossen hat.

Insgesamt machen diese Gespräche das Thema noch gruseliger, als es ohnehin ist. Nur ein Schüler war von der Existenz besitzergreifender Dämonen nicht überzeugt. Für die vier übrigen gab es keine Zweifel darüber.
Doch zunächst zu der Frage, was das Mädchen, an dem der Exorzismus vorgenommen wurde, eigentlich hatte. Durch übereinstimmende Berichte schildert sich die Situation mir wie folgt:

Es ist der Abends des 13.7, eines Mittwochs. Schüler und Schülerinnen gehen wie gewöhnlich zu den Night Preparations, also zu eigenständigem Lernen und Hausaufgaben. Dafür ist (täglich) die Zeit zwischen 19:20 Uhr und 22:30 Uhr vorgesehen.
Kurz nach dem Beginn fällt eine Schülerin aus der ersten Klasse um; offensichtlich in Ohnmacht. Ein paar andere Mädchen bringen sie zur Krankenstation und informieren die Lehrerin, die in dieser Woche die Aufsicht führt. Sie entsendet weitere Schüler, um den Doktor zu holen. Derweil erwacht die bis dahin Ohnmächtige und fragt nach Wasser (eine Schülerin erzählt mir später von einem Durst nach Blut, der die Betroffene geplagt hätte), welches ihr gegeben wird. Anschließend versucht sie wegzurennen – einen genauen Grund oder Auslöser hierfür konnte mir niemand nennen. Die anderen Mädchen jedenfalls halten sie fest und beginnen daraufhin zu beten – worauf die Erstklässlerin wiederum stöhnend und gequält reagiert. Der Exorzismus beginnt.

Später, als alles vorüber ist, klagt das Mädchen über Schmerzen in Kopf und Beinen. Es kann sich -angeblich- an nichts erinnern.
Schon am nächsten Tag, sie ist vom Unterricht befreit, geht es ihr deutlich besser und der Spuk scheint vorbei.
Was sie medizinisch betrachtet hatte, vermochte mir keiner zu sagen. Als ihre Raumgenossinen in der Nacht erfahren, dass sie von einem Dämonen besessen gewesen sei, bekommen sie starke Angst und wollen nicht mit ihr in einem Zimmer schlafen. Es Bedarf der Überzeugungskraft einer beim Exorzismus mitgewirkt habenden Schülerin, um sie davon abzubringen, in anderen Räumen Asyl zu suchen. Es gelingt ihr und die geplagte Erstklässlerin muss nicht die Nacht auch noch einsam und ohne Aufsicht, schließlich könnte Krankheit oder Dämon ja wiederkehren, verbringen.

Es erscheint mir mehr als verständlich, bei einem solchen überzeugtem Glauben an die Diener Satans panische Angst vor einer besessenen zu haben. Darum habe ich die erwähnte Schülerin, die an der Austreibung teilnahm, auch gefragt, ob sie denn keine Angst gehabt hätte. Schließlich hatte sie sich, wenn auch nicht allein, dem direkten Kampf gegen den Teufel gestellt. Während unseres Gespräches saßen wir auf einer Bank und sie betrachtete den Boden vor sich. Nach dieser Frage jedoch hielt sie kurz inne und drehte ihren Kopf dann langsam zu mir. Ihre Augen leuchteten als sie mir erklärte: „Nein, denn Gott ist mit mir“.

Aber wie wird man eigentlich besessen? Auch diese Frage habe ich mehreren Schülern gestellt.
Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens, man infiziert sich bei einer bereits besessenen Person. Deshalb auch die große Angst der anderen Mädchen, die das Zimmer mit der Betroffenen teilen. Dabei ist dieser Vorgang in gewissem Maße eine Glaubensprüfung. Wer rechtschaffen und fromm ist, verfügt über eine Art Impfschutz.
Die zweite Möglichkeit hat traditionelle afrikanische Religionen in sich aufgenommen: Hexerei. „In Europa gibt es das vielleicht nicht, aber hier gibt es Leute die von Hexenkraft Gebrauch machen“, erzählt mir nicht nur ein Schüler. Durch dunkle Rituale wird das Opfer mit einem Fluch belegt; die Motive können so vielfältig sein wie für jedes Verbrechen. Eifersucht, Gier, Rache. Tiere spielen hier eine große Rolle, das Bild der Hauskatze als eigensinnige Dienerin der Hexer und Hexen ist auch hier verbreitet. So berichtet mir eine Schülerin, dass sie die Katzen, von denen einige im Schutze der Dunkelheit in der Schule rumlaufen, fürchtet. Sie seien nicht gewöhnlich, sie kämen nachts manchmal durch verschlossene Türen in die Räume der Baracken.

Für die teilhabende Schülerin war es übrigens der erste Exorzismus, andere hatten zwar noch nie partizipiert, aber schön häufiger zugeschaut. Zwei der Befragten waren zuvor in Uganda in einer Schule; beide erzählten mir, dass es dort häufiger solche Zeremonien gegeben hätte.
Ich habe jedes Gespräch mit jedem Schüler einzeln geführt, um möglichst die eigenen Ansichten zu erfahren. Eine der Schülerinnen halte ich für eine der klügsten und gebildetsten hier in der Schule, in der der Bildungsstandard ohnehin schon wesentlich höher ist als in den Dörfern drumherum. Den Glauben einfach als dummes abergläubisches Geschwafel abzutun, erscheint mir zu kurz.

Exorzismus

Vor Kurzem hatte ich mir noch „Der Exorzist“ auf DVD aus Deutschland schicken lassen. Ich hatte mal wieder Lust auf diesen Klassiker bekommen. Jetzt brauche ich ihn nicht mehr…
Ich komme gerade von einem echten Exorzismus. In Spielfilmlänge, mit einer Dauer irgendwo zwischen 90 und 120 Minuten.

Momentan geht mir noch ziemlich viel durch den Kopf, ich habe hier ja schon vieles erlebt – aber eine Teufelsaustreibung ist ein durch und durch schockierendes und gruseliges Ereignis, insbesondere wenn man die betroffene Schülerin kennt.

Ich will versuchen, chronologisch zu erzählen und knüpfe am letzten Blogeintrag über das Feuer an.
Nachdem ich jenen geschrieben hatte habe ich mich einigen Mails gewidmet und bin schließlich raus gegangen, um eine Lehrerin zu fragen, ob sie inzwischen wisse, was Ursache des Feuers war. Ich habe die Lehrerin denn auch gefunden und sie erzählte mir, dass tatsächlich die Mädchen wie gewohnt ihren Müll verbrannt und scheinbar nicht aufgepasst hätten. Dann erzählte sie mir, dass sie von der Krankenstation käme. Als die Schülerinnen das Feuer sahen und anfingen zu schreien (wir beschrieben rannte daraufhin die ganze Schule halbpanisch dorthin) hatten sich zwei leicht verletzt, als sie von ihren Tischen aufspringen wollten. Die eine am Bein, eine andere am Kopf. Außerdem gäbe es noch eine dritte Schülerin, von der nicht so ganz klar ist, was sie hat. Sie – die Lehrerin – hätte soeben ein paar Schüler geschickt, um den Schularzt zu holen. Als sie dann vorschlug, gemeinsam zur Krankenstation zu gehen, war ich, neugierig wie ich bin, nicht abgeneigt und begleitete sie.

Auf dem Weg dorthin hörte ich auch schon die Schreie einer Schülerin, die von dort herüberschallten. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da ich schon einige sehr empfindliche Schüler getroffen hatte. Beispielsweise erst vor zwei Tagen, ein Sechstklässler, um die 20 Jahre alt. Aber als ihn ein Moskito stach, oh wei, da war was los. Als wir an unserem Ziel ankamen waren einige Schüler dort, ein Junge, rund ein Dutzend Mädchen, dazu der Nachtwächter. Einige, darunter jene Leichtverletzten, saßen auf einer Bank, die Übrigen standen um die ominöse dritte Patientin herum, welche auf der Grasfläche vor der Krankenstation lag. Sie unterhielten sich leise, spaßten ein wenig, die Schülern bewegte sich nicht und lag dort nur in Seitenlage. Sie war eine Erstklässlerin, 14, glaube ich, und recht frech. Mehr in ihrem Verhalten als in ihrer Sprechweise; jedenfalls gehört sie für mich zu den sympathischeren auch wenn sie etwas frühreif wirkt und auffällig häufig mit Jungs verschiedener Klassen zu sehen ist. Insgesamt jedenfalls eine friedliche Szene.

Die Lehrerin versuchte dann erneut den Arzt telefonisch zu erreichen und schließlich gelang es ihr auch und er machte sich auf den Weg.
Noch bevor er ankam, fing die erste Phase des Exorzismus an. Bis dato war es eine ganz gewöhnliche Szene gewesen. Dann hockte sich der Junge neben das Mädchen, hob ihren Kopf und sprach zu ihr auf Swahili. „Guck mich an. Guck mich an!“. Das Mädchen fiel in einen Schlaf, so schien es. Sie bewegte sich nicht. Dann kamen die Schülerinnen, die herum standen und hielten sie an Armen und Beinen fest. Der Junge behielt ihren Kopf in seinen Händen und redete jetzt lauter, bestimmender auf sie ein. Es hat nicht lange gebraucht, bis ich verstanden habe, das er eine Teufelsaustreibung vollzog. Er sprach auch gar nicht zu ihr, sondern zu Satan, den er in ihr vermutete. „Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!“ und immer wieder „Feuer! Feuer!“.

Das Mädchen erwachte aus seinem Schlaf. Sie stöhnte erst, schrie dann, lauter und lauter. Seine Worte wurden strenger. „Verschwinde!“. Er brüllte nicht, redete aber sehr laut. Mal in das eine, mal in das andere Ohr. „Feuer! Feuer!“. Sie war endgültig erwacht doch schien in einer Art Trance zu sein. Sie fing an sich zu bewegen, zu zappeln, versuchte Arme und Beine loszureißen. „Feuer!“. Das stetige Drohgebet des Jungen, nur unterbrochen von ihren Schreien. Sie fügten ihr keinen physischen Schmerz zu. Dann mischte sich der Nachtwächter ein. Eines der Mädchen, dass das Bein der vermeintlich Besessenen festhielt, war unaufmerksam, ließ es los. Der Nachtwächter ermahnte sie zur Vorsicht, das wild zappelnde Bein könne sie sonst verletzen. Dann befahl der Schüler weiter. „Im Namen Jesu Christi!“. Der Arzt kam, die erste Runde endete nach einer geschätzten Viertelstunde.

Trotz meines Schockzustandes, den ich irgendwo hatte, musste ich im nächsten Moment leicht schmunzeln. Keine Minute nach dem Ende der ersten Runde (von der ich natürlich noch nicht wusste, dass es nur der Anfang war) sah ich eine schwarze Katze hinter der Hauswand verschwinden. Es war wieder still geworden. Das Mädchen war mit dem Ende er Gebete auch wieder in seinen Schlaf verfallen. Wie auf Knopfdruck. Der Arzt untersuchte derweil kurz die Leichtverletzten und schickte sie dann fort. Die Schülerinnen hielten anschließend die betroffene Erstklässlerin hoch und trugen sie in die Krankenstube, legten sie in einem Raum hin. Ich blieb draußen, doch die Fenster wurden geöffnet und da es ja längst dunkel war die Lichter angeknipst. Ich saß direkt vor dem Fenster und habe alles auch weiterhin mitbekommen.

Es folgte denn auch die zweite Runde. Diesmal legte ein zweiter Nachtwächter, der inzwischen hinzu gekommen war, seine Hände auf ihren Kopf. Wieder hielten Schülerinnen ihre Gliedmaßen fest. Während er seine befehlenden Gebete sprach, versanken die Umstehenden in stille Gebete. Kaum fing er an – „Verschwinde! Ich befehle dir zu verschwinden!“ – erwachte das Mädchen erneut aus seinem Schlaf, stöhnte, schrie, versuchte um sich zu schlagen. Ich habe förmlich nur darauf gewartet, dass es noch in fremden Zungen spricht, dies blieb aber aus. Währenddessen kam der Headmaster dazu und wohnte dem Exorzismus einige Minuten bei, bis er wieder verschwand. Der Arzt ging aus dem Haus und setzte sich wartend vor die Tür. Ich war mir nicht ganz sicher, wie er dazu stand. Die zweite Runde verlief und endete wie die erste, nach dem Getöse wieder komplette Stille, die Schülerin wieder in ihrem Schlaf.

Nach etwa zehn Minuten Ruhe folgte die dritte Runde. Auch jetzt nahm der Nachtwächter ihren Kopf und sprach auf sie ein, doch die Rolle der Übrigen war diesmal eine andere. Zuerst sprachen sie jeder laut Gebete, dann begann ein jeder von ihnen es dem Nachtwächter gleich zu machen und auf das Mädchen dass nicht mehr zappelte, nur noch stöhnte, einzureden. „Verschwinde!“, „Verabschiede dich!“, „Feuer!“, „Im Namen Jesu!“, „Gott ist groß!“ – ein Wirrwarr von Stimmen, eine drohender als die andere. Das ging ein paar Minuten, dann redete wieder nur noch der Schüler vom Anfang auf sie ein während die anderen sangen. Zu der Zeit brachten zwei weitere Schüler eine Bibel zur Krankenstation. Zuvor waren schon immer wieder vereinzelt neue Schülerinnen gekommen, einige von ihnen gut mit mir befreundet. Schließlich waren rund 20 Leute in dem Zimmer und nahmen an der Zeremonie teil. Es war gespenstisch, dieser Misch aus Gesang, Befehlen und Gestöhne.

Wie die Runden zuvor war auch diese vorbei, als das Mädchen wieder in seinen Schlaf fiel. Die Gruppe versank wieder in stille Gebete, andere warteten draußen. Der Headmaster kam zurück und kurz darauf ging eine allgemeine Aufregung um: Das Mädchen war wieder aufgewacht, doch diesmal ohne Gestöhne oder ähnlichem. Es war verstört, aber ansprechbar. Es folgte die vierte, finale Runde. Sie bestand aus Befragung, die Headmaster und Schularzt gemeinsam vornahmen. „Wie viel Uhr haben wir? Wie heißt du? In welcher Klasse bist du? Auf welcher Schule bist du?“; sie schaffte es, alle Fragen zu beantworten. Doch sie sprach leise, zögerlich, überlegte lange. Sie ließ ihren Blick umherschweifen, auf mir verharrte er kurz bis er weiterwanderte. Zufrieden, dass sie wieder zu sich selbst gefunden haben und vom Teufel verlassen zu sein schien, endete die Prozedur mit einem individuellem Dankgebet, dass jeder gleichzeitig von sich gab. Die Augen geschlossen, in voller Konzentration dem Herrn für seine Gnade, die er diesem Mädchen zu Teil haben ließ, dankend. Schließlich geleiteten die Mädchen der Gruppe die vermeintlich Erlöste zu ihrer Baracke.

Nach fast zwei Stunden Gebet, Gesang und Kampf gegen Satan sind alle Teilnehmer sichtbar erleichtert – und ich etwas verstört. So wenig wie die Schreie der Mutter der Totgeburt, werde ich die unheimliche Atmosphäre des Exorzismus vergessen.