Warum es schon wieder so lange keine Beiträge mehr gab

Seit meinem letzten Eintrag sind mittlerweile mehr als zwei Monate vergangen. In der Zwischenzeit war ich zwei Wochen in Westtansania, um dort mitzuhelfen, die neue Freiwilligengeneration von artefact/solivol einzuweisen und zu ihren Projektorten zu begleiten. Dabei wurde mir der Rucksack gewaltsam mit Hilfe eines Autos entrissen, in dem, da ich zuvor bei der Botschaft war, unter anderem mein Reisepass steckte. Dazu kam der Verlust von Schlüsseln, Kreditkarten, Kamera und einige Kleinigkeiten. Dadurch jedenfalls war ich gezwungen, meine Reise anzupassen, um in der Deutschen Botschaft einen neuen Pass zu beantragen.

Ansonsten hatte ich eine volle Woche als Teacher on Duty sowie eine Studienfahrt mit Form Six und sicherlich hin und wieder auch einfach keine Lust bzw. Motivation einen sinnvollen Eintrag zu verfassen. Jetzt bin ich wieder da und hoffe die noch ausstehenden Versprechen einlösen zu können, Themen gibt’s jedenfalls noch genug.

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Selbstmordversuch

Wieder schiebe ich die versprochenen Artikel auf, denn wieder hat sich etwas zugetragen, das mich dazu veranlasst, aus dem Affekt einen Bericht zu schreiben.

Vor wenigen Tagen hat eine 12-jährige Schülerin versucht, sich umzubringen. Sie ist dabei gar nicht erst zum eigentlichen Versuch gekommen, sondern scheiterte glücklicherweise bereits an der Beschaffung eines Rattengiftes, welches sie verwenden wollte.
Ich habe gerade erst von diesem Fall erfahren und er macht mich sehr betroffen, da ich das Mädchen sehr schätze und, ja, wenn man es so nennen möchte, zu meinen Lieblingsschülern zähle. Ich weiß auch, dass sie mich schätzt. Allerdings führt schon allein die Sprachbarriere dazu, dass sie mir nicht von ihren Problemen erzählen könnte. Trotzdem kenne ich jetzt einige Hintergründe.

Der Auslöser für ihre Entscheidung war, dass Mitschüler ihr wohl Geld geliehen hatten, dass sie, da sie kein Taschengeld bekommt, nicht zurückzahlen konnte. Deshalb drohten jene Schüler, ihre Hefte zu zerreißen. Der eigentlich drohende Schatten hinter dieser eher harmlos klingenden Geschichte ist aber die Mutter. Die ist nämlich, wenn ich den Erzählungen glauben schenken darf, knallhart, sitzt unter anderem im Distriktparlament und ein durch und durch dominanter Typ. So drohte sie ihren Kindern angeblich, dass sie sich im Falle des Scheiterns in Examen besser selbst umbrächten, als zu erleben, wie sie zornig ihnen gegenüber würde.

Schulhefte sind in Tansania um einiges bedeutsamer als in Deutschland. Dort schreiben Schüler ihre Notizen und Aufgaben hinein und legen sie anschließend ad acta. Hier dagegen legt das Schulsystem mehr Wert auf pauken denn verstehen. Was bedeutet, dass die Schüler mit ihren Heften lernen und diese auch häufig an die nächste Generation weitergeben. Ein Übungsheft stellt damit ein wichtiges Symbol für den Erfolg des Studiums dar. Darüber hinaus ist es auch ein materieller Wert und, wie erwähnt, das Mädchen verfügte über kein eigenes Geld.

Als die Mutter dann davon, dass ihre Tochter Schulden hat, Wind bekam, drohte sie ihr erneut. Das Mädchen solle besser alles erzählen; zudem kündigte sie ihr Kommen an. Da bekam es die Tochter endgültig mit der Angst und ich kann mir gut vorstellen, dass diese Angst vor der Mutter in Erfahrungen gut begründet ist. Auch andere Leute fürchten die Mutter – in der Gemeinde ist sie als eine Hexe bekannt.
Welche Rolle der Glaube an schwarze Magie hier spielt, haben die letzten Einträge in meinem Blog ja schon thematisiert. Ich weiß nicht, ob auch die Tochter ihre Mutter für eine Hexe hält, doch auch allein das Wissen um die Meinung Anderer setzt unter diesen Umständen ein so junges Mädchen enorm unter Druck.

Abgerundet wird die gefühlte Isolation der 12-Jährigen durch ihre Schwester. Die ist nämlich auch auf der Schule, in einer höheren Klasse. Allerdings ist sie unter Schülern eher für anzügliche Tänze und unter Lehrern für Dreistigkeit und geringe Disziplin bekannt. Darunter leidet dann wiederum das betroffene Mädchen, dass so eine wichtige Stütze im Leben verliert.

Vor Kurzem erst hatte sie mich mit einer Freundin um zusätzliche IT-Stunden gebeten. Morgen treffen wir uns das erste Mal, um das anzugehen. Wir hatten vereinbart, dass ich die beiden eine Doppelstunde pro Woche (=80 Minuten) zusätzlich unterrichte. Sie werden dadurch nicht nur weit mehr als ihre Klassenkameraden, sondern ich sie auch besser kennen lernen. Vielleicht kann ich ja doch noch zu einer Art Vertrauensperson für sie werden, ich würde es mir wünschen.

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Hintergründe zum Exorzismus

Der Bericht zum Exorzismus hat viele Fragen offen gelassen, weshalb ich zunächst einen Hintergrundbericht liefern möchte bevor ich mich um den versprochenen Reisebericht und den Bananenartikel kümmere.

Inzwischen habe ich mit einigen Leuten gesprochen, darunter eine Schülerin, die sich aktiv an der Teufelsaustreibung beteiligt hat, drei weitere Schüler, die nicht selbst dabei waren und eine ehemalige Schülerin, die im Februar an der Karaseco ihr A-Level (Abitur) abgeschlossen hat.

Insgesamt machen diese Gespräche das Thema noch gruseliger, als es ohnehin ist. Nur ein Schüler war von der Existenz besitzergreifender Dämonen nicht überzeugt. Für die vier übrigen gab es keine Zweifel darüber.
Doch zunächst zu der Frage, was das Mädchen, an dem der Exorzismus vorgenommen wurde, eigentlich hatte. Durch übereinstimmende Berichte schildert sich die Situation mir wie folgt:

Es ist der Abends des 13.7, eines Mittwochs. Schüler und Schülerinnen gehen wie gewöhnlich zu den Night Preparations, also zu eigenständigem Lernen und Hausaufgaben. Dafür ist (täglich) die Zeit zwischen 19:20 Uhr und 22:30 Uhr vorgesehen.
Kurz nach dem Beginn fällt eine Schülerin aus der ersten Klasse um; offensichtlich in Ohnmacht. Ein paar andere Mädchen bringen sie zur Krankenstation und informieren die Lehrerin, die in dieser Woche die Aufsicht führt. Sie entsendet weitere Schüler, um den Doktor zu holen. Derweil erwacht die bis dahin Ohnmächtige und fragt nach Wasser (eine Schülerin erzählt mir später von einem Durst nach Blut, der die Betroffene geplagt hätte), welches ihr gegeben wird. Anschließend versucht sie wegzurennen – einen genauen Grund oder Auslöser hierfür konnte mir niemand nennen. Die anderen Mädchen jedenfalls halten sie fest und beginnen daraufhin zu beten – worauf die Erstklässlerin wiederum stöhnend und gequält reagiert. Der Exorzismus beginnt.

Später, als alles vorüber ist, klagt das Mädchen über Schmerzen in Kopf und Beinen. Es kann sich -angeblich- an nichts erinnern.
Schon am nächsten Tag, sie ist vom Unterricht befreit, geht es ihr deutlich besser und der Spuk scheint vorbei.
Was sie medizinisch betrachtet hatte, vermochte mir keiner zu sagen. Als ihre Raumgenossinen in der Nacht erfahren, dass sie von einem Dämonen besessen gewesen sei, bekommen sie starke Angst und wollen nicht mit ihr in einem Zimmer schlafen. Es Bedarf der Überzeugungskraft einer beim Exorzismus mitgewirkt habenden Schülerin, um sie davon abzubringen, in anderen Räumen Asyl zu suchen. Es gelingt ihr und die geplagte Erstklässlerin muss nicht die Nacht auch noch einsam und ohne Aufsicht, schließlich könnte Krankheit oder Dämon ja wiederkehren, verbringen.

Es erscheint mir mehr als verständlich, bei einem solchen überzeugtem Glauben an die Diener Satans panische Angst vor einer besessenen zu haben. Darum habe ich die erwähnte Schülerin, die an der Austreibung teilnahm, auch gefragt, ob sie denn keine Angst gehabt hätte. Schließlich hatte sie sich, wenn auch nicht allein, dem direkten Kampf gegen den Teufel gestellt. Während unseres Gespräches saßen wir auf einer Bank und sie betrachtete den Boden vor sich. Nach dieser Frage jedoch hielt sie kurz inne und drehte ihren Kopf dann langsam zu mir. Ihre Augen leuchteten als sie mir erklärte: „Nein, denn Gott ist mit mir“.

Aber wie wird man eigentlich besessen? Auch diese Frage habe ich mehreren Schülern gestellt.
Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens, man infiziert sich bei einer bereits besessenen Person. Deshalb auch die große Angst der anderen Mädchen, die das Zimmer mit der Betroffenen teilen. Dabei ist dieser Vorgang in gewissem Maße eine Glaubensprüfung. Wer rechtschaffen und fromm ist, verfügt über eine Art Impfschutz.
Die zweite Möglichkeit hat traditionelle afrikanische Religionen in sich aufgenommen: Hexerei. „In Europa gibt es das vielleicht nicht, aber hier gibt es Leute die von Hexenkraft Gebrauch machen“, erzählt mir nicht nur ein Schüler. Durch dunkle Rituale wird das Opfer mit einem Fluch belegt; die Motive können so vielfältig sein wie für jedes Verbrechen. Eifersucht, Gier, Rache. Tiere spielen hier eine große Rolle, das Bild der Hauskatze als eigensinnige Dienerin der Hexer und Hexen ist auch hier verbreitet. So berichtet mir eine Schülerin, dass sie die Katzen, von denen einige im Schutze der Dunkelheit in der Schule rumlaufen, fürchtet. Sie seien nicht gewöhnlich, sie kämen nachts manchmal durch verschlossene Türen in die Räume der Baracken.

Für die teilhabende Schülerin war es übrigens der erste Exorzismus, andere hatten zwar noch nie partizipiert, aber schön häufiger zugeschaut. Zwei der Befragten waren zuvor in Uganda in einer Schule; beide erzählten mir, dass es dort häufiger solche Zeremonien gegeben hätte.
Ich habe jedes Gespräch mit jedem Schüler einzeln geführt, um möglichst die eigenen Ansichten zu erfahren. Eine der Schülerinnen halte ich für eine der klügsten und gebildetsten hier in der Schule, in der der Bildungsstandard ohnehin schon wesentlich höher ist als in den Dörfern drumherum. Den Glauben einfach als dummes abergläubisches Geschwafel abzutun, erscheint mir zu kurz.

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Exorzismus

Vor Kurzem hatte ich mir noch „Der Exorzist“ auf DVD aus Deutschland schicken lassen. Ich hatte mal wieder Lust auf diesen Klassiker bekommen. Jetzt brauche ich ihn nicht mehr…
Ich komme gerade von einem echten Exorzismus. In Spielfilmlänge, mit einer Dauer irgendwo zwischen 90 und 120 Minuten.

Momentan geht mir noch ziemlich viel durch den Kopf, ich habe hier ja schon vieles erlebt – aber eine Teufelsaustreibung ist ein durch und durch schockierendes und gruseliges Ereignis, insbesondere wenn man die betroffene Schülerin kennt.

Ich will versuchen, chronologisch zu erzählen und knüpfe am letzten Blogeintrag über das Feuer an.
Nachdem ich jenen geschrieben hatte habe ich mich einigen Mails gewidmet und bin schließlich raus gegangen, um eine Lehrerin zu fragen, ob sie inzwischen wisse, was Ursache des Feuers war. Ich habe die Lehrerin denn auch gefunden und sie erzählte mir, dass tatsächlich die Mädchen wie gewohnt ihren Müll verbrannt und scheinbar nicht aufgepasst hätten. Dann erzählte sie mir, dass sie von der Krankenstation käme. Als die Schülerinnen das Feuer sahen und anfingen zu schreien (wir beschrieben rannte daraufhin die ganze Schule halbpanisch dorthin) hatten sich zwei leicht verletzt, als sie von ihren Tischen aufspringen wollten. Die eine am Bein, eine andere am Kopf. Außerdem gäbe es noch eine dritte Schülerin, von der nicht so ganz klar ist, was sie hat. Sie – die Lehrerin – hätte soeben ein paar Schüler geschickt, um den Schularzt zu holen. Als sie dann vorschlug, gemeinsam zur Krankenstation zu gehen, war ich, neugierig wie ich bin, nicht abgeneigt und begleitete sie.

Auf dem Weg dorthin hörte ich auch schon die Schreie einer Schülerin, die von dort herüberschallten. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da ich schon einige sehr empfindliche Schüler getroffen hatte. Beispielsweise erst vor zwei Tagen, ein Sechstklässler, um die 20 Jahre alt. Aber als ihn ein Moskito stach, oh wei, da war was los. Als wir an unserem Ziel ankamen waren einige Schüler dort, ein Junge, rund ein Dutzend Mädchen, dazu der Nachtwächter. Einige, darunter jene Leichtverletzten, saßen auf einer Bank, die Übrigen standen um die ominöse dritte Patientin herum, welche auf der Grasfläche vor der Krankenstation lag. Sie unterhielten sich leise, spaßten ein wenig, die Schülern bewegte sich nicht und lag dort nur in Seitenlage. Sie war eine Erstklässlerin, 14, glaube ich, und recht frech. Mehr in ihrem Verhalten als in ihrer Sprechweise; jedenfalls gehört sie für mich zu den sympathischeren auch wenn sie etwas frühreif wirkt und auffällig häufig mit Jungs verschiedener Klassen zu sehen ist. Insgesamt jedenfalls eine friedliche Szene.

Die Lehrerin versuchte dann erneut den Arzt telefonisch zu erreichen und schließlich gelang es ihr auch und er machte sich auf den Weg.
Noch bevor er ankam, fing die erste Phase des Exorzismus an. Bis dato war es eine ganz gewöhnliche Szene gewesen. Dann hockte sich der Junge neben das Mädchen, hob ihren Kopf und sprach zu ihr auf Swahili. „Guck mich an. Guck mich an!“. Das Mädchen fiel in einen Schlaf, so schien es. Sie bewegte sich nicht. Dann kamen die Schülerinnen, die herum standen und hielten sie an Armen und Beinen fest. Der Junge behielt ihren Kopf in seinen Händen und redete jetzt lauter, bestimmender auf sie ein. Es hat nicht lange gebraucht, bis ich verstanden habe, das er eine Teufelsaustreibung vollzog. Er sprach auch gar nicht zu ihr, sondern zu Satan, den er in ihr vermutete. „Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!“ und immer wieder „Feuer! Feuer!“.

Das Mädchen erwachte aus seinem Schlaf. Sie stöhnte erst, schrie dann, lauter und lauter. Seine Worte wurden strenger. „Verschwinde!“. Er brüllte nicht, redete aber sehr laut. Mal in das eine, mal in das andere Ohr. „Feuer! Feuer!“. Sie war endgültig erwacht doch schien in einer Art Trance zu sein. Sie fing an sich zu bewegen, zu zappeln, versuchte Arme und Beine loszureißen. „Feuer!“. Das stetige Drohgebet des Jungen, nur unterbrochen von ihren Schreien. Sie fügten ihr keinen physischen Schmerz zu. Dann mischte sich der Nachtwächter ein. Eines der Mädchen, dass das Bein der vermeintlich Besessenen festhielt, war unaufmerksam, ließ es los. Der Nachtwächter ermahnte sie zur Vorsicht, das wild zappelnde Bein könne sie sonst verletzen. Dann befahl der Schüler weiter. „Im Namen Jesu Christi!“. Der Arzt kam, die erste Runde endete nach einer geschätzten Viertelstunde.

Trotz meines Schockzustandes, den ich irgendwo hatte, musste ich im nächsten Moment leicht schmunzeln. Keine Minute nach dem Ende der ersten Runde (von der ich natürlich noch nicht wusste, dass es nur der Anfang war) sah ich eine schwarze Katze hinter der Hauswand verschwinden. Es war wieder still geworden. Das Mädchen war mit dem Ende er Gebete auch wieder in seinen Schlaf verfallen. Wie auf Knopfdruck. Der Arzt untersuchte derweil kurz die Leichtverletzten und schickte sie dann fort. Die Schülerinnen hielten anschließend die betroffene Erstklässlerin hoch und trugen sie in die Krankenstube, legten sie in einem Raum hin. Ich blieb draußen, doch die Fenster wurden geöffnet und da es ja längst dunkel war die Lichter angeknipst. Ich saß direkt vor dem Fenster und habe alles auch weiterhin mitbekommen.

Es folgte denn auch die zweite Runde. Diesmal legte ein zweiter Nachtwächter, der inzwischen hinzu gekommen war, seine Hände auf ihren Kopf. Wieder hielten Schülerinnen ihre Gliedmaßen fest. Während er seine befehlenden Gebete sprach, versanken die Umstehenden in stille Gebete. Kaum fing er an – „Verschwinde! Ich befehle dir zu verschwinden!“ – erwachte das Mädchen erneut aus seinem Schlaf, stöhnte, schrie, versuchte um sich zu schlagen. Ich habe förmlich nur darauf gewartet, dass es noch in fremden Zungen spricht, dies blieb aber aus. Währenddessen kam der Headmaster dazu und wohnte dem Exorzismus einige Minuten bei, bis er wieder verschwand. Der Arzt ging aus dem Haus und setzte sich wartend vor die Tür. Ich war mir nicht ganz sicher, wie er dazu stand. Die zweite Runde verlief und endete wie die erste, nach dem Getöse wieder komplette Stille, die Schülerin wieder in ihrem Schlaf.

Nach etwa zehn Minuten Ruhe folgte die dritte Runde. Auch jetzt nahm der Nachtwächter ihren Kopf und sprach auf sie ein, doch die Rolle der Übrigen war diesmal eine andere. Zuerst sprachen sie jeder laut Gebete, dann begann ein jeder von ihnen es dem Nachtwächter gleich zu machen und auf das Mädchen dass nicht mehr zappelte, nur noch stöhnte, einzureden. „Verschwinde!“, „Verabschiede dich!“, „Feuer!“, „Im Namen Jesu!“, „Gott ist groß!“ – ein Wirrwarr von Stimmen, eine drohender als die andere. Das ging ein paar Minuten, dann redete wieder nur noch der Schüler vom Anfang auf sie ein während die anderen sangen. Zu der Zeit brachten zwei weitere Schüler eine Bibel zur Krankenstation. Zuvor waren schon immer wieder vereinzelt neue Schülerinnen gekommen, einige von ihnen gut mit mir befreundet. Schließlich waren rund 20 Leute in dem Zimmer und nahmen an der Zeremonie teil. Es war gespenstisch, dieser Misch aus Gesang, Befehlen und Gestöhne.

Wie die Runden zuvor war auch diese vorbei, als das Mädchen wieder in seinen Schlaf fiel. Die Gruppe versank wieder in stille Gebete, andere warteten draußen. Der Headmaster kam zurück und kurz darauf ging eine allgemeine Aufregung um: Das Mädchen war wieder aufgewacht, doch diesmal ohne Gestöhne oder ähnlichem. Es war verstört, aber ansprechbar. Es folgte die vierte, finale Runde. Sie bestand aus Befragung, die Headmaster und Schularzt gemeinsam vornahmen. „Wie viel Uhr haben wir? Wie heißt du? In welcher Klasse bist du? Auf welcher Schule bist du?“; sie schaffte es, alle Fragen zu beantworten. Doch sie sprach leise, zögerlich, überlegte lange. Sie ließ ihren Blick umherschweifen, auf mir verharrte er kurz bis er weiterwanderte. Zufrieden, dass sie wieder zu sich selbst gefunden haben und vom Teufel verlassen zu sein schien, endete die Prozedur mit einem individuellem Dankgebet, dass jeder gleichzeitig von sich gab. Die Augen geschlossen, in voller Konzentration dem Herrn für seine Gnade, die er diesem Mädchen zu Teil haben ließ, dankend. Schließlich geleiteten die Mädchen der Gruppe die vermeintlich Erlöste zu ihrer Baracke.

Nach fast zwei Stunden Gebet, Gesang und Kampf gegen Satan sind alle Teilnehmer sichtbar erleichtert – und ich etwas verstört. So wenig wie die Schreie der Mutter der Totgeburt, werde ich die unheimliche Atmosphäre des Exorzismus vergessen.

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Abendliche Überraschungen

Da sitzt man nichts Böses ahnend, dafür aber fleißig am Reisebericht schreibend, abends in seinem Büro und wird plötzlich von einem Lärm, der von draußen schreienden und rennenden Schülern verursacht wird, aufgeschreckt. Nun, denke ich mir, was haben die 660 Nichtsnutze jetzt wieder angestellt? Wohlwissend dass es nicht viel braucht, um eine halbe Panik in der Schule auszulösen. Jeder Regenfall wird von schreiend fliehenden Schülern begleitet. Dennoch neugierig geworden verlasse ich mein Büro, das nah bei den Baracken der Jungen steht. Ich sehe Massen von Schülern zu den Mädchen rennen und entschließe mich der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn so viele Jungen zu den Mädels aufbrechen, steht’s in jedem Fall nicht zum Guten – in welcher Hinsicht auch immer. Schließlich ist das Gelände dort normalerweise streng tabu. Etwas besorgt laufe ich also auf die andere Seite der Schüler und erfahre unterwegs denn auch von einigen Schülern, was überhaupt los ist: Ein Feuer.

Das Feuer war zwischen zweien der Baracken ausgebrochen und hatte scheinbar einen halben Baum in Brand gesteckt. Jedenfalls lagen dessen verkohlte Überreste auf dem Boden umgeben von glimmender Glut. Wirklich außer Kontrolle geraten ist die Situation aber nicht, das beweist die vergleichsweise kleine verbrannte Fläche, auf die eifrig Schüler und der Nachtwächter Erde schaufeln.

Leider konnte mir bisher niemand erklären, worin die Ursache des Feuers lag, jeder, den ich fragte, war erst später hinzu gekommen. Spontan erlaube ich mir aber das Urteil, dass grundsätzlich Trockenzeit und eine Praxis des Müllverbrennens eine gefährliche Mischung sind. Schon häufiger sah ich hier Müllgruben mit recht großen Ästen zugedeckt, die gefährlich nah unter Bäumen standen.

DER BASTIAN BLEIBT WIE IMMER AM BALL.

PS: Wer mir als erster sagen kann, aus welchem literarischem Werk der letzte Satz entstammt, bekommt eine namentliche Erwähnung im nächsten Beitrag! Wow!

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